Text: Kathy-Ann Tan

 

Ob es sich um einen Antrag auf ein Stipendium, eine künstlerische Residenz oder eine Bewerbung für ein Master-Programm an einer Kunsthochschule handelt, immer häufiger werden Künstler*innen aufgefordert, über ihre Arbeit und künstlerische Praxis zu schreiben. Das Schreiben dieser so genannten Artist Statements fällt nicht allen leicht! Manche Künstler*innen können gut mit Worten umgehen, andere nicht. Auch wenn Artist Statements schwer zu schreiben sind, können sie doch sehr nützlich sein, um die eigene Praxis zu verstehen oder zu beurteilen, wie sich die eigene Arbeit im Laufe der Zeit entwickelt hat.

 

Besonders für BIPoC-Künstler*innen und Künstler*innen aus anderen marginalisierten Communitys können Artist Statements eine Herausforderung darstellen, da oft erwartet wird, dass marginalisierte Künstler*innen ihre Arbeit in Bezug auf gesellschaftspolitische Themen wie Rassismus, Vorurteile, Kolonialismus und Diversität kontextualisieren. Wie kann man als BIPoC-Künstler*in über die eigene Praxis so schreiben, dass sie nicht auf diese Erwartungen reduziert wird? Und dabei gleichzeitig die sehr realen und komplexen Herausforderungen ansprechen, die sich in einer von weißen Menschen dominierten Kunstwelt stellen? Allgemeiner gesagt: Wie kann man prägnant und effektiv in einer zugänglichen Sprache schreiben, ohne die Sprache der Kunstszene oder schwierigen Jargon zu verwenden? Wie kann man klar und überzeugend schreiben und sich von der Masse abheben – vor allem, wenn es sich um einen Antrag auf Finanzierung oder ein Stipendium handelt?

 

Egal, ob du am Anfang deiner künstlerischen Karriere stehst oder bereits mittendrin bist, hier findest du einige nützliche Tipps und Tricks, die dir weiterhelfen!

 

Atme zunächst einmal tief durch: Wenn es für dich eine Herausforderung ist, über deine eigene künstlerische Praxis und Arbeit zu schreiben, dann bist du nicht allein! Wenn du dies zum ersten Mal tust oder dein Artist Statement nach längerer Zeit aktualisierst, kannst du die Aufgabe mit einer der folgenden Methoden/Übungen erleichtern.

 

Methode/Übung Nr. 1: Das Interview mit einem*einer Freund*in

Lass dich von einem*einer Freund*in über deine aktuellen Arbeiten oder laufenden Projekte interviewen. Versuche die Fragen in einfachen Worten zu beantworten. Sei so ehrlich, wie du kannst. Auch wenn du die Versuchung verspürst, die Arbeit anderer zu würdigen, die deine künstlerische Praxis beeinflusst haben, versuch nicht über die Arbeit anderer zu sprechen, sondern nur über deine eigene. Nimm das Interview auf und schreibe es anschließend ab. Probiere es mit verschiedenen Personen aus – zum Beispiel mit jemandem, mit dem du zusammen zur Kunsthochschule gegangen bist, mit einem*einer Kolleg*in oder jemandem aus der Community, aber auch mit Personen, die die Kunstszene(n) oder deine Arbeit nicht unbedingt im Detail kennen wie Nachbar*innen oder Familienmitglieder. Auf diese Weise erhältst Du verschiedene Ideen für den Ton deines Artist Statements.

 

Methode/Übung Nr. 2: Erstelle eine „Wortwolke“

Nimm ein großes Blatt Papier und schreibe alle Wörter (Substantive, Adjektive, Verben) auf, die du für deine künstlerische Praxis für relevant hältst. Je wichtiger dir ein Wort erscheint, desto mehr Platz sollte es auf dem Papier einnehmen. Diese Übung hilft dir, dir selbst ein Bild davon zu machen, was für deine Kunst und deine Praxis von zentraler Bedeutung ist, und ermöglicht es dir, dein Schreiben zu organisieren. Beginne, Sätze mit den größten (und damit wichtigsten) Begriffen in der „Wortwolke“ zu schreiben. Dies sollten die ersten Sätze deines Artist Statements oder deiner schriftlichen Reflexion über deine eigene Arbeit sein.

 

Methode/Übung Nr. 3: Erinnere dich an die letzten fünf Ausstellungen oder Veranstaltungen, die du besucht hast

Wahrscheinlich sind die letzten fünf Ausstellungen, Kunstperformances oder diskursiven Veranstaltungen, die du besucht hast (aus Interesse und nicht aus Pflichtgefühl!), hilfreich, um deine künstlerische Praxis und Forschung zu kontextualisieren. Außerdem kannst du auf diese Weise vergleichen, wie andere Künstler*innen, die sich mit ähnlichen Themen beschäftigen, ihre Arbeit und Praxis gestalten. Frage dich, was du anders machst oder was deine Arbeit von derjenigen unterscheidet, die du in der Ausstellung gesehen hast. Schreibe deine Gedanken auf.

 

Wenn du eine oder alle der oben genannten Methoden/Übungen ausprobierst, denk daran, dass die grundlegenden Bestandteile jedes Artist Statements oder jeder Beschreibung der eigenen Arbeit die Fragen „Was“, „Warum“ und „Wie“ beantworten sollten:

 

  • Was: In welchem Medium arbeitest du (Textil, Video, Live Art, Skulptur, Malerei, Collage, Fotografie usw.)?
  • Warum: Überlege dir, was dich motiviert und antreibt und warum du dich zu einem bestimmten Medium oder Format hingezogen fühlst.
  • Wie: Hier kannst du deinen künstlerischen Prozess beschreiben, einschließlich aller Faktoren wie ortsspezifische künstlerische Forschung oder Austausch mit einer Community.

 

Halte Dich beim Verfassen der obigen Texte von allzu „trendigen“ Wörtern fern (alle Wörter, die in den Titeln von Ausstellungen oder kuratierten Programmen immer wieder auftauchen) und vermeide auf jeden Fall die Versuchung, zu viele dieser 13 meistgenutzten Wörter in der Kunstwelt zu verwenden. Schreibe in kurzen Sätzen und versuche, die Regel „weniger ist mehr“ anzuwenden. Betrachte dein Artist Statement auch als Anreiz für andere, mehr über deine Arbeit und Praxis zu erfahren – also nicht alles auf einmal verraten!

 

Denk' daran: Überarbeitung ist der Schlüssel zu einem guten Artist Statement oder einer guten Reflexion über die eigene Arbeit. Bitte eine*n Freund*in, dein Statement zu lesen und dir Feedback zu geben. Meistens wird empfohlen, das Artist Statement auf drei bis vier Absätze und maximal eine Seite zu beschränken. Dies hängt natürlich von der Art der Aufgabe ab. Ein Artist Statement für einen Antrag auf ein Stipendium, bei dem man aufgefordert wird, über seine Praxis und ein bestimmtes Projekt zu schreiben, erfordert mehr Details. Auch hier ist es wichtig, klar und für ein nicht spezialisiertes Publikum zu schreiben, da sich die Jury aus Personen mit unterschiedlichen Fachkenntnissen zusammensetzen könnte.

 

Es gibt kein perfektes Artist Statement, sondern nur ein Artist Statement, das eine ehrliche Reflexion deiner Arbeit, Praxis und Vision ist. Schreibe aus deiner eigenen Perspektive als Künstler*in, nicht als Kurator*in, Kulturkritiker*in oder Kunsthistoriker*in. Lese dein Statement laut vor und frage dich: Bin ICH das? Deine Leser*innen möchten deine Stimme hören und nicht die einer anderen Person, die deine Arbeit beschreibt. Sie wollen etwas lesen, das ihnen hilft, ein tieferes Verständnis für deine Kunst zu entwickeln und eine Verbindung zu ihr herzustellen. Betrachte dein Artist Statement als etwas, das dazu beiträgt, deine Arbeit in einen Kontext zu stellen, und die „Hintergrundgeschichte“ dazu liefert. Du kannst es auch als eine Anerkennung deiner Hingabe, deines Engagements und deiner Vision als Künstler*in betrachten!

Weitere nützliche Links/ weitere Lektüre, einschließlich Videos und Online-Ressourcen

Videos

Artist Statements, Bios, Studio Visits, and More with Liz Ikiriko”, Left of Centre: Conversations.

Clara Lieu: “Artist Statements: How to Write One!

 

Bücher

Amorose, Vicki Krohn. Art-Write: The Writing Guide for Visual Artists.

Horst, Claire. Alle Geschichten (er)zählen: Aktivierendes kreatives Schreiben gegen Diskriminierung.

Wagner, Dorothee. Schreiben in der Kunst: Amerikanische Künstlertexte der 1960er Jahre.

 

Online-Ressourcen

Artist Statement Guidelines”. Getting Your Sh*t Together: making life better for artists.

Artist Statements.” Artist Producer Resource.

Artist Statement: How do I Successfully Write about My Artistic Practice?” by School of the Art Institute of Chicago (SAIC)