Verschiedene Symbole für Klassismus im Kulturbetrieb wie z.B. Bücherstapel und Plattenspieler, Diplom, Geld

erweiterte Bildbeschreibung: Symbole für unterschiedliche Formen von Klassismus im Kulturbetrieb. Ökonomisches Kapital ist durch Geld und ein Haus, auf dem "mietfrei" steht, dargestellt; kulturelles Kapital u.a. durch Bücher, einen Plattenspieler und ein Diplom; soziales Kapital durch einen Stammbaum, Vitamin-B-Tabletten, eine Einladung, eine Karrieretreppe, auf der Menschen es unterschiedlich leicht haben, nach oben zu kommen.

Klassismus im Kulturbetrieb

„Brotlose Kunst“ – der Kulturbereich ist berüchtigt für seine unsicheren Arbeitsverhältnisse und schlechten Honorare. Und doch sind es bei genauerem Hinsehen überwiegend Menschen aus der (bildungs-)bürgerlichen Schicht, die eine Karriere im Kulturbereich machen und sich darin behaupten können. Begründet wird dies bis heute mit der vermeintlichen Kulturferne anderer sozialer Gruppen, etwa der Arbeiter*innen- oder Armutsklasse. Obwohl spätestens seit den 1970er Jahren diskutiert und mit dem Leitsatz „Kunst für Alle“ dafür sensibilisiert wurde, dass unsere Kulturinstitutionen viele Menschen ausschließen, bildet sich bis heute die gesellschaftliche Vielfalt kaum im Kulturbereich ab. Unser hiesiges Verständnis von (Hoch-)Kultur ist auf ein bürgerliches Vorhaben des 19. Jahrhunderts im Kontext des europäischen Kolonialismus zurückzuführen: Bürger*innen schufen in Abgrenzung zum Adel und zur Monarchie eigene Kulturstätten. Also vom Bürgertum für das Bürgertum. Die daraus entstandenen Organisationen (Theater, Museen, Opern, etc.) und Strukturen wurden dementsprechend entlang eines weißen, bürgerlichen und männlich dominierten Gesellschaftsverständnisses geformt, das zudem behinderte Menschen diskriminiert. Daran hat sich bis heute erschreckend wenig geändert.

 

Inzwischen fällt vielen Menschen die fehlende gesellschaftliche Vielfalt im Kulturbereich und in der Kulturellen Bildung auf. Viele, die im Kulturbereich arbeiten, haben allerdings kein Wissen darüber, wie Menschen diskriminiert werden und was man dagegen tun kann, zum Beispiel wie die Diskriminierung aufgrund der sozialen Herkunft bzw. der sozialen und ökonomischen Position im Kulturbereich zu strukturellen Ausgrenzungen führt. Denn nicht nur ökonomische Mittel (wie Geld oder Eigentum) verschaffen Vorteile im kulturellen Feld, sondern auch das symbolische Kapital (Bildung, sicheres und selbstbewusstes Auftreten, normierter Geschmack etc.) trägt dazu bei, sich im Kulturbereich orientieren zu können. Zwar finden aktuell auch im Kulturbereich verstärkt Veranstaltungen zu Klassismus statt, dennoch fehlen grundlegende Analysen, wie sich sozio-ökonomische Benachteiligung im kulturellen Feld auswirkt. Wichtig ist, in diesem Zusammenhang auch zu untersuchen, inwieweit z.B. Rassismus oder Diskriminierung aufgrund von Behinderung zu Klassismus führen.   

 

Dieses Dossier, das in Zusammenarbeit mit kultur_formen entstanden ist, soll einen Beitrag zur derzeitigen Debatte um Klassismus im Kulturbetrieb leisten. Die Sammlung kann einen ersten Überblick bieten, welche Perspektiven zu Klassismus im Kulturbetrieb bereits vorhanden sind, aber auch, wo es Leerstellen gibt. Mehr über unsere Positionierungen und unsere Gedanken zum Kulturbetrieb findet sich im Artikel „Kunst kommt von Kapital?“, unserem Vorwort.

 

Für das Dossier wurden Expert*innen oder Akteur*innen gesucht, die sich in ihrer Forschung, in praktischer Auseinandersetzung oder durch eigene Erfahrung mit dem Thema Klassismus (idealerweise im Kulturbetrieb und/oder in der Kulturellen Bildung) beschäftigen. Erhalten haben wir 141 Einreichungen für Audio-, Video-, Text- oder Bildbeiträge. Ausgewählt wurden 12 Beiträge, davon erscheinen die ersten vier am 31. Januar, die weiteren Beiträge dann in den nächsten Monaten.

 

Team:
Bahareh Sharifi, Lisa Scheibner, Justine Donner und Lyza Schwab
 

Redaktion:
Cordula Kehr

 

Übersicht der Beiträge

Yasmina Bellounar und Francis Seeck besprechen in „Macht und Klassenbewusstsein in der Kulturelle Bildung“ folgende Fragen: Welche Ansätze können helfen, mehr Chancengerechtigkeit in der und durch die Kulturelle Bildung zu ermöglichen? Wer und was muss sich dabei ändern?

 

Verena Brakonier, Greta Granderath und Jivan Frenster legen mit ihrem Film „Hände“ eine Recherche zum Thema Klassismus vor, die eigene und familiäre Erfahrungen mitwirkender Passant*innen mit Geschichten der eigenen Hände Arbeit verknüpft und viele verschiedene Perspektiven aufwirft.

 

Michael Annoff gibt in „Das Eis ist dünn [aber das Wasser ist lauwarm]“ einen zeitgeschichtlichen und (kultur-)politischen Überblick über Klassismus im Kulturbereich und stellt die aktuelle Klassismus-Debatte bisherigen materialistischen Kritiken an Klassenverhältnissen gegenüber.

 

Dr. Dr. Daniele Daude reflektiert in „Zugehörigkeitskontrolle im Konzertsaal“ die Bedeutung von Klasse in der Klassik.

 

In seinem biografischen Essay „Für mehr Behinderung in der Klasse?“ (AT) denkt Steven Solbrig über die Zusammenhänge zwischen Ableismus und Klassismus anhand eigener Erfahrungen auf dem Ausbildungsweg und im Kulturbetrieb nach.

 

Alina Bongk und Yasmina Bellounar beantworten in ihrem Beitrag „Kunst können?!“ gemeinsam mit jungen Menschen die Frage, warum es eine rassismus- und klassimuskritische Praxis in der Kulturellen Bildung braucht.

 

Wirya Budaghi schreibt in „Klassismus, Liebe und Kunst“ über die Ablehnung und Unterdrückung marginalisierter Kunstpraktiken in westlichen Kunstakademien und Kulturinstitutionen und über den Klassenabstieg durch Flucht.

 

In dem Audiobeitrag „Kunst & Kampf“ spricht Damon Taleghani mit mehreren Kulturschaffenden, die sich für bessere Arbeitsbedingungen im Kulturbereich einsetzen.

 

Der anonym eingereichte Beitrag „Zwei Schmuckeremiten im Gespräch“ thematisiert die ökonomischen Bedingungen, die scheinbar selbstverständlich sind, um im Bereich der bildenden Künste erfolgreich zu sein.

 

Francis Seeck beschäftigt sich im Beitrag „‚Sollen wir dann etwa Helene Fischer spielen?‘ – Klassismus im Kulturbetrieb“ mit den strukturellen Barrieren für Menschen aus der Arbeiter*innen- oder Armutsklasse im Kulturbetrieb und erzählt von der Abgrenzung der Hochkultur gegenüber nicht-bürgerlichen Kulturpraxen.

 

Lino Agbalaka erklärt in seinem Beitrag „Ge/Recht? – Nutzen & Grenzen des Rechts bei Klassismus“ die aktuelle Rechtslage in Bezug auf Diskriminierung wegen der sozialen Herkunft.

 

Mariama Sow und Isabelle Edi zeigen in ihrer künstlerischen Fotoarbeit „Kleidung und Klasse“, dass Kleidung nicht nur individueller Ausdruck, sondern auch Teil einer sozialen Ordnung ist.

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