Autorinnen Caroline Huth und Anne Rieger |  Beratende Mitarbeit Angela Alves

Einführung

Mit der Unterzeichnung der UN-Behindertenrechtskonvention hat sich Deutschland 2009 – über das Grundgesetz und das Allgemeine Gleichbehandlungsgesetz hinaus – nochmals explizit zu der gleichberechtigten Teilhabe von Menschen mit Behinderung verpflichtet. Mit Artikel 30 der Konvention gilt dies auch für das kulturelle Leben und nimmt damit alle öffentlich-geförderten Kulturorganisationen in die Pflicht.

 

Artikel 30

Teilhabe am kulturellen Leben sowie an Erholung, Freizeit und Sport

(1) Die Vertragsstaaten anerkennen das Recht von Menschen mit Behinderungen, gleichberechtigt mit anderen am kulturellen Leben teilzunehmen, und treffen alle geeigneten Maßnahmen, um sicherzustellen, dass Menschen mit Behinderungen

  • a. Zugang zu kulturellem Material in zugänglichen Formaten haben;
  • b. Zugang zu Fernsehprogrammen, Filmen, Theatervorstellungen und anderen kulturellen Aktivitäten in zugänglichen Formaten haben;
  • c. Zugang zu Orten kultureller Darbietungen oder Dienstleistungen, wie Theatern, Museen, Kinos, Bibliotheken und Tourismusdiensten, sowie, so weit wie möglich, zu Denkmälern und Stätten von nationaler kultureller Bedeutung haben.

(Quelle: Bundesbeauftragte der Bundesregierung für die Belange von Menschen mit Behinderungen)

 

Dieses Orientierungspapier zeigt am Beispiel der Relaxed Performances, wie Zugänglichkeit und Barrierefreiheit im Theater umgesetzt werden können. Es bietet Vorschläge zur Gestaltung von Relaxed Performances, die unter Abwägung der individuellen Möglichkeiten und Ressourcen innerhalb der eigenen Theaterpraxis umgesetzt werden können. Viele Kulturinstitutionen unterstützen die Verpflichtung der UN-Behindertenrechtskonvention, stoßen jedoch bei der Umsetzung schnell an ihre Grenzen. Dieser Leitfaden möchte dafür sensibilisieren, dass die Öffnung der eigenen Institution oft schon mit kleinen Schritten und ohne großen finanziellen Aufwand möglich ist. Auch wenn Kosten für barrierefreie Angebote natürlich in die langfristige finanzielle Planung aufgenommen werden sollten.

Was sind Relaxed Performances?

Relaxed Performances richten sich an ein Publikum, das von einer entspannteren Theater- und Veranstaltungsatmosphäre profitiert. Sie wollen eine Willkommensatmosphäre für Zuschauer*innen schaffen, die beispielsweise unkontrollierbare Geräusche oder Bewegungen machen oder die durch die strengen Konventionen in Aufführungsräumen ausgeschlossen werden: zum Beispiel Menschen im autistischen Spektrum, Menschen mit Tourette, mit Lernschwierigkeiten oder chronischen Schmerzen. Aber auch schlicht Menschen, die sich in einer inklusiveren Umgebung wohlfühlen.

 

Ursprünglich sind Relaxed Performances von der Autismus-Community entwickelt worden, die für sich nach Wegen gesucht hat, um Kino- und Theatervorstellungen barriereärmer zu gestalten. Relaxed Performances haben in den letzten Jahren vor allem im anglophonen Sprachraum stark zugenommen und sich dort zu einem innovativen Theaterformat entwickelt. Die deutsche Übersetzung „barrierefreie Vorstellung“, die manchmal im Theaterbetrieb bereits verwendet wird, ist allerdings nicht so treffend wie der englische Begriff „Relaxed Performance“. Das Wort „relaxed“, also „entspannt“, fasst das Ziel der Performance besser:

 

Es geht darum, die konventionelle Theateretikette, die Menschen mit Behinderungen oder chronischen Erkrankungen an vielen Stellen ausschließt, so anzupassen, dass Menschen mit Behinderungen oder chronischen Erkrankungen in einer entspannteren Atmosphäre in den Genuss von Vorstellungen kommen.

 

Unter dem deutschen Begriff „barrierefreie Vorstellung“ wird noch zu häufig die bloße Beseitigung von physischen Barrieren verstanden. Dabei haben Relaxed Performances einen viel umfassenderen Ansatz, Theatervorstellungen aller Genre zugänglich zu machen.

 

Um eine Performance „relaxed“ zu gestalten, müssen zwei Bereiche beziehungsweise Fragestellungen im Fokus stehen:

  • Die barrierearme Gestaltung der Spielstätte und die Einrichtung des Zuschauerraums
  • Die Anpassung der Produktion

 

Grundsätzlich ist jedoch ein Aspekt essenziell: die zeitnahe, transparente interne und externe Kommunikation.

Barrierearme Gestaltung der Spielstätte und des Zuschauerraums

Sensorische Reize (Trigger)

Niemand weiß besser, wann eine Vorstellung oder ein Umfeld barrierearm ist, als Personen, die barrierearme Angebote nutzen. Darum ist die schnellste und kostengünstigste Möglichkeit, Barrieren abzubauen, Informationen transparent bereitzustellen. Wenn mögliche sensorische Reize (Trigger), unerwartete Geschehnisse auf der Bühne und im Publikumsraum oder Erwartungen an das Verhalten der Besucher*innen bereits auf der Webseite im Ankündigungstext eines Stücks kommuniziert werden, erlaubt dies den potenziellen Besucher*innen selbstbestimmt zu entscheiden, ob die Vorstellung für sie „relaxed“ oder barrierearm ist.

 

Beispiele für sensorische Reize, unerwartete Geschehnisse oder Erwartungen an das Verhalten der Besucher*innen sind:

 

  • Markante Gerüche
  • Falltüren und plötzliche Erscheinungen
  • Luftballons, Konfetti / Glitzer, Staub/ Pulver, Rauch / Nebel, Seifenblasen
  • Personen oder Gegenstände, die durch die Luft fliegen
  • Licht: plötzliche Beleuchtungsübergänge, Blinklichter / Stroboskoplicht, totale Verdunkelung
  • Figuren, die starke Emotionen zeigen, Gewalt
  • Ton: laute Geräusche oder Musik, Hintergrundmusik, wiederholte Geräusche (z. B. Glocke), unerwartete Geräusche (z. B. Donner, Kanonen), hohe Töne
  • Besucher*innen müssen sich leise verhalten
  • Besucher*innen müssen während der Vorstellung durchgehend sitzen
  • Besucher*innen werden auf die Bühne eingeladen
  • Darsteller*innen kommen ins Publikum; Publikum muss interagieren

 

Auch Angaben zum zeitlichen Verlauf, zu Sitzmöglichkeiten und ähnlichem sind für viele Menschen von großer Bedeutung. Im Folgenden werden einige Aspekte aufgelistet, die zu einer Relaxed Performance beitragen.

Sitzgelegenheiten

Ein Theaterbesuch erfordert oft langes Sitzen auf unbequemen Stühlen mit wenig Bein- und Bewegungsfreiheit. Bei Relaxed Performances sollten Alternativen in Form von verschiedenen Sitz- und Liegemöglichkeiten (zum Beispiel Sitzsäcke, Sofas oder Matratzen) sowie eine möglichst freie Platzierung angeboten werden. Es ist wichtig, dass die alternativen Sitz- und Liegeangebote nicht separat, nur an einem Punkt im Raum, angeordnet sind, sondern gleichmäßig im Publikumsraum verteilt werden. Darum sollte das Raumkonzept so früh wie möglich mit den Künstler*innen besprochen werden.

Anzahl Sitzplätze

Viele Häuser geben nur circa 70 Prozent ihrer Sitzplatzkapazität für Relaxed Performances frei. Dies ermöglicht eine großzügigere Verteilung der Zuschauer*innen sowie Bewegungsfreiheit im Publikumsraum.

Zeitliche Ablaufpläne

Es sollte ein einfacher zeitlicher Ablaufplan auf der Webseite veröffentlicht sowie am Abend der Vorstellung im Haus ausgehangen werden, der die genaue Dauer der Vorstellung angibt (Dauer der ersten Hälfte, Dauer der Pause, Dauer der zweiten Hälfte etc.). Dieser Plan kann außerdem die Wechsel der Licht-, Raum-, Akustik- und Publikumssituation im Laufe der Vorstellung beschreiben, um dem Publikum im Vorfeld einen Überblick hierzu zu ermöglichen.

Voreinlass

Es kann hilfreich sein, den Publikumsraum 10 - 15 Minuten früher als gewöhnlich zu öffnen, um dem Publikum genügend Zeit zu geben, seine Plätze zu finden und sich zu akklimatisieren. Es ist ebenfalls ratsam, den Publikumsraum 15 Minuten länger als gewöhnlich offen zu lassen, da das Publikum möglicherweise mehr Zeit benötigt, um diesen wieder zu verlassen.

Beschilderung

Im Haus sollte eine Beschilderung angebracht werden, die deutlich darauf hinweist, dass eine Relaxed Performance stattfindet. Diese kann die vom Haus verwendete allgemeine Erklärung von Relaxed Performances enthalten sowie die angepasste Beschreibung für die betreffende Vorstellung. Ebenfalls wichtig ist es, die Länge der Vorstellung inklusive Pause anzugeben. 

Für die Beschilderung sollte eine klar leserliche Schriftart genutzt werden. Das Design sollte ebenfalls einfach gehalten sein mit leicht zu registrierenden Farben wie z. B. Schwarz, Gelb oder Weiß.

Licht

Das Licht im Publikumsraum bleibt während der Vorstellung an oder bei mindestens 50 Prozent. Dies hilft Menschen, die sich in dunklen Räumen unwohl fühlen, und erleichtert es dem Publikum, sich im Raum zu bewegen oder diesen zu verlassen und wieder hereinzukommen.

Offene Türen

Einer der wesentlichen Bestandteile einer Relaxed Performance besteht darin, dass das Publikum bei Bedarf seine Plätze verlassen kann. Dies kann bedeuten, dass Besucher*innen aufstehen, herumlaufen oder den Publikumsraum für kurze Zeit verlassen. 

Es ist hilfreich, wenn die Haupteingangstür zum Saal offenbleibt, damit das Publikum weiß, wo es bei Bedarf den Saal verlassen kann. Der Abenddienst sollte Besucher*innen beim Verlassen des Raums daran erinnern, dass sie zurückkommen können, wenn sie möchten.

Foyer / Ruheraum

Im Foyer oder in einem Raum neben dem Vorstellungsraum sollte ein Bereich zum Entspannen eingerichtet werden als Ruheort für alle, die während der Vorstellung eine Pause brauchen. In einigen Häusern ist es möglich, einen separaten Raum mit Sofas und Sitzsäcken einzurichten, in anderen, eine Ecke des Cafés oder Foyers entsprechend zu gestalten. 

Wenn es die technische Ausstattung des Hauses erlaubt, kann die Vorstellung über einen Bildschirm in den Ruheraum / in das Foyer übertragen werden, damit das Publikum die Vorstellung weiterverfolgen kann.

Visual Story (bebilderte Beschreibung)

Dem Publikum kann zur Vorbereitung auf den Theaterbesuch eine Visual Story auf der Webseite zur Verfügung gestellt werden. Bei einer Visual Story handelt es sich um eine bebilderte Zusammenfassung der Vorstellung, die das Publikum auf die Geschehnisse in der Vorstellung vorbereitet. In der Regel wird ein Bild jeder Szene mit einigen Sätzen beschrieben und es wird auf mögliche sensorische Reize, wie laute Geräusche oder Lichtwechsel, hingewiesen. 

Hier gilt, dass die Qualität des Dokuments am höchsten ist, wenn das Dokument von den Künstler*innen mitgestaltet wird. Darum sollten Angebote dieser Art bereits bei der Vertragsgestaltung mit den Künstler*innen mitgedacht und die entsprechende Zeit und Vergütung eingeplant werden.

Nicht alle Aspekte einer Relaxed Performance können immer berücksichtigt werden. Auch eine Vorstellung mit visuellen oder auditiven Triggern kann eine Relaxed Performance sein. Doch sollte das, was angeboten werden kann, dem Publikum immer zeitnah und transparent mitgeteilt werden. Denn, wie bereits erwähnt, weiß dieses selbst am besten, wann ein Angebot „relaxed“ und barrierearm ist. Ein Label beispielsweise, das Relaxed Performances im Programm kennzeichnet, ist nur dann hilfreich, wenn aufgeschlüsselt wird, was das Theater bei seinen Relaxed Performances konkret anbietet.

Die Anpassung der Produktion

Bei Relaxed Performances werden Inszenierungen verändert, damit Zuschauer*innen mit Behinderungen oder chronischen Erkrankungen einen Raum selbstverständlich einnehmen können, ohne durch ihren Körper oder ihre Art und Weise, Kunst zu rezipieren, ausgeschlossen zu sein beziehungsweise am Theaterbesuch gehindert zu werden. 

Der Frage, welche Veränderungen an einer Inszenierung vorgenommen werden können, geht oft die Diskussion voraus, welche Inszenierungen im Programm sich für eine Relaxed Performance eignen. Häufig werden erste Versuche im Kinder- und Jugendtheater durchgeführt. Prinzipiell gibt es aber kein Programm, das nicht für Zuschauer*innen mit Behinderungen oder chronischen Erkrankungen geeignet wäre. Die Verpflichtung, kulturelle Teilhabe zu gewährleisten, die in der UN-Behindertenrechtskonvention formuliert ist, unterscheidet nicht nach Genres oder Altersgruppen.

Auch bei der Anpassung der Produktion ist die zeitnahe und transparente Kommunikation essenziell, da die Produktionsabläufe neben den Künstler*innen auch viele Abteilungen im Haus betreffen.

Kommunikation mit den Künstler*innen

Was eine Relaxed Performance ist und welche Anpassungen möglich sind, ohne die künstlerischen Absichten und die Integrität der Arbeit zu komprimieren, bespricht in den meisten Fällen die Künstlerische Leitung beziehungsweise Dramaturgie mit den Künstler*innen. Da viele Künstler*innen mit dem Konzept der Relaxed Performance noch nicht vertraut sind, ist es wichtig, als Haus so früh wie möglich mit den Künstler*innen ins Gespräch zu kommen. Dann haben die Künstler*innen die Möglichkeit, das Konzept der Relaxed Performance mit ihren künstlerischen Ideen in Einklang zu bringen. Die oben stehende Liste mit Beispielen für sensorische Reize kann als Ausgangspunkt dienen, um gemeinsam über Anpassungen an der Inszenierung zu sprechen.   

 

Handelt es sich um eine Premiere am Haus, sollte mit den Künstler*innen bereits im Rahmen des Förderantrags, der Vertragsgestaltung oder der Konzeptentwicklung gesprochen werden, um Maßnahmen zur Zugänglichkeit und die damit möglicherweise verbundenen Mehrkosten, z. B. für zusätzliche Probenzeit oder Verdolmetschung, mitzudenken. Barrierefreiheit und künstlerische Visionen lassen sich am besten vereinen, wenn eine Produktion direkt als Relaxed Performance erarbeitet wird, also wenn die damit verbundenen zusätzlichen Angebote und der Verzicht auf sensorische Reize etc. bereits im Entstehungsprozess berücksichtigt werden. Denn die Qualität einer Relaxed Performance ist umso höher, je mehr die Künstler*innen mögliche Anpassungen bereits im Probenprozess vornehmen und diese die künstlerische Handschrift tragen. Diese ästhetische Herangehensweise an Fragen von Zugänglichkeit wird Aesthetics of Access genannt. Wenn die Künstler*innen selbst keine Behinderungen und keine Erfahrung mit Relaxed Performances haben, ist es wichtig, dass sie sich von Kulturschaffenden mit Behinderungen beraten lassen. Wird eine Produktion nicht von Anfang an als Relaxed Performance konzipiert, kann alternativ eine zusätzliche „relaxte“ Version der Produktion erarbeitet werden.

 

Handelt es sich um das Gastspiel einer bereits fertigen Produktion, sollte die Möglichkeit einer Relaxed Performance so früh wie möglich mit den eingeladenen Künstler*innen besprochen werden, damit mögliche Anpassungen zeitnah umgesetzt werden können. So können zusätzliche Zeit bei der technischen Einrichtung und bei Proben sowie die dadurch entstehende Mehrkosten für Honorare eingeplant werden.

 

Nicht jede Produktion kann alle Aspekte einer Relaxed Performance erfüllen. Es gibt beispielsweise Produktionen, bei denen laute Musik oder abrupte Lichtwechsel aus Sicht der Künstler*innen ein unverzichtbarer Teil der Dramaturgie sind. Doch selbst bei solchen Produktionen kann das Publikum im Vorfeld über die sensorischen Reize informiert werden. Auch lassen sich immer noch Angebote wie alternative Sitzmöglichkeiten, Zeitpläne oder ein Voreinlass machen.

Kommunikation im Haus

Es ist wichtig, die Künstler*innen zeitnah über Relaxed Performances zu informieren und für sensorische Reize, Geschehnisse im Raum und Erwartungen an das Verhalten der Besucher*innen zu sensibilisieren, da das Haus darauf angewiesen ist, dass die Künstler*innen die verschiedenen Abteilungen im Haus diesbezüglich informieren und damit die Vorbereitung und Durchführung einer Relaxed Performance unterstützen.

Marketing und Öffentlichkeitsarbeit

Sobald bekannt ist, welche sensorischen Reize in der Vorstellung vorkommen und welche „relaxten“ Angebote gemacht werden können, sollten diese über die verschiedenen Kanäle (Webseite, Newsletter) an das Publikum kommuniziert werden. Es sollte außerdem eine standardisierte Beschreibung von Relaxed Performances formuliert werden, die bei der Bewerbung von Relaxed Performances auf allen Kanälen verwendet wird.

Außerdem kann ein Symbol / Label genutzt werden, um Relaxed Performances auszuzeichnen und sie dadurch leichter auffindbar zu machen. Allerdings muss dabei aufgeschlüsselt werden, welche konkreten Angebote das Label umfasst. Die standardisierte Beschreibung sollte auf allen Werbematerialien erscheinen, einschließlich der Webseite und der Ticketing-Seiten. Alle Mitarbeiter*innen, die über Relaxed Performances schreiben oder sprechen, sollten die im Haus festgelegte Beschreibung nutzen.

Technik

Auch die technische Abteilung muss zeitnah über die relaxten Angebote und etwaige vorzunehmende Anpassungen informiert werden. Gibt es verschiedene Versionen der Produktion (relaxed / nicht relaxed), müssen beide in der technischen Einrichtung bedacht sein, da dies zu einem zeitlichen Mehraufwand führen kann. Auch kann es sein, dass aufgrund der Anpassungen mehr Probenzeit eingeplant werden muss oder durch die Anpassungen in Ton und Licht für die unterschiedlichen Versionen unterschiedliche technische cues (Signale in Text, Licht oder Ton) nötig sind. Auch über ein relaxtes Raumkonzept mit alternativen Sitzmöglichkeiten muss die technische Abteilung rechtzeitig informiert werden.

Es ist außerdem essenziell, dass auch freie Mitarbeiter*innen zeitnah über das Konzept von Relaxed Performances informiert und in den jeweiligen relaxten Vorstellungsablauf eingeführt werden.

Ticketing / Abendkasse

Alle Mitarbeiter*innen im Kartenverkauf müssen gut darüber informiert sein, was eine Relaxed Performance ist und welche Angebote dazu im Haus bei den jeweiligen Vorstellungen gemacht werden. Bei telefonischen Buchungen ist es wichtig, nochmals zu betonen, dass es sich bei der gewünschten Buchung um eine Relaxed Performance handelt. Einige Besucher*innen wissen eventuell nicht, was das bedeutet, oder ziehen es vor, die Vorstellung zu einem anderen Zeitpunkt zu besuchen. Die  Besucher*innen, die Karten für eine Relaxed Performance buchen möchten, sollten auf die Angebote aufmerksam gemacht werden, die ihnen zur Verfügung stehen, z. B. Visual Story oder Liste von sensorischen Reizen auf der Webseite, Aushänge mit Informationen zum zeitlichen Ablauf oder ein Ruheraum, der auch während der Vorstellung genutzt werden kann. 

Bei Buchungen über die Webseite sollte auf der Seite der Vorstellung deutlich gemacht werden, an welchen Tagen / Abenden Relaxed Performances angeboten werden und was das beinhaltet.

Abenddienst

Auch der Abenddienst muss genau darüber informiert sein, was Relaxed Performances beinhalten, wie diese im Haus beschrieben werden und welche Anpassungen bei der jeweiligen Vorstellung vorgenommen wurden. Außerdem sollte er über mögliche sensorische Reize Bescheid wissen. Es ist deshalb wichtig, den Mitarbeiter*innen rechtzeitig Informationen zukommen zu lassen und zusätzliche Zeit für die Einsatzbesprechung einzuplanen, um Fragen zu erlauben.

Einige Häuser bieten kurz vor Beginn der Vorstellung eine Ankündigung im Foyer oder von der Bühne aus an, in der nochmals erklärt wird, dass es sich bei der Vorstellung um eine Relaxed Performance handelt und was das für die spezifische Vorstellung bedeutet.  

Mitarbeiter*innen, die mit dem Publikum in direkten Kontakt kommen, sollten vorbereitet und geschult werden. Das betrifft einerseits den Umgang mit Gästen mit Behinderungen und chronischen Erkrankungen, andererseits den Umgang mit Beschwerden von nichtbehinderten Gästen, die das Verhalten der Gäste mit Behinderungen und chronischen Erkrankungen möglicherweise als störend empfinden. Wir raten allen Veranstalter*innen / Spielstätten, solchen Beschwerden durch deutliche Vorabkommunikation über das Angebot von Relaxed Performances auf der Webseite, durch das Kassenpersonal beim Buchungsvorgang und das Abendpersonal vor Ort vorzubeugen.

Evaluation und Ausblick

Relaxed Performances bieten die Möglichkeit, ein Haus relativ schnell und kostengünstig zugänglicher zu machen. Eine grundlegende Auseinandersetzung damit, welche Barrieren für Menschen mit Behinderungen oder chronischen Erkrankungen bestehen, ist jedoch die Voraussetzung für jeden Öffnungsprozess. Menschen mit Behinderungen oder chronischen Erkrankungen machen im Alltag in den verschiedensten Lebensbereichen diskriminierende Erfahrungen. Es muss darum das Ziel sein, eine Wiederholung dieser Erfahrungen bei einem Theaterbesuch zu vermeiden, vor allem wenn Angebote als „relaxed“ oder barrierearm angekündigt werden. Ein Haus sollte nicht anhand der schlechten Erfahrungen von Menschen mit Behinderungen oder chronischen Erkrankungen lernen, sondern durch intensive gute Vorbereitung. Folgende Fragen können sich Institutionen vorab stellen:

 

  • Was kann sofort am Haus umgesetzt werden? (zum Beispiel transparente Kommunikation von sensorischen Reizen, barrierearmen Angeboten etc. auf der Webseite)
  • Welche Kapazitäten hat das Haus? Was kann mit hoher Qualität umgesetzt werden?
  • Sind die betroffenen Abteilungen (Künstlerische Leitung, Technik, Öffentlichkeitsarbeit, Abenddienst etc.) ausreichend informiert und sensibilisiert?
  • Was braucht das Haus, um sich entsprechend zu informieren / sensibilisieren? Auf der Website von Diversity Arts Culture gibt es Ressourcen für das Selbststudium sowie Weiterbildungsangebote, um die eigene Diversitätskompetenz zu stärken.

 

Um Besucher*innen ein positives und barrierearmes Kulturerlebnis zu ermöglichen, ist es wichtig, nur im Rahmen der eigenen Kapazitäten Angebote zu machen – allerdings mit dem Ziel, diese langfristig auszubauen, um kulturelle Teilhabe am gesamten Programm zu ermöglichen.

 

Um das bestmögliche Konzept für das eigene Haus zu entwickeln, empfiehlt es sich, sich in das Konzept der Relaxed Performances einzulesen, sich mit Kulturinstitutionen auszutauschen, die bereits Praxiserfahrungen auf dem Gebiet gesammelt haben, und sich in der Entwicklung von einer (bezahlten) Prüfgruppe von behinderten Expert*innen zu Barrierefreiheit beraten zu lassen. Der Abbau von Barrieren sollte als Prozess verstanden werden, in dem stetige Verbesserungen und Veränderungen selbstverständlich sind. Außerdem sollte die Wirksamkeit der vorgenommenen Maßnahmen evaluiert werden. Feedback einzuholen, signalisiert dem Publikum, dass ein ernstes Interesse an der Umstrukturierung der Organisation und damit an der Ermöglichung von kultureller Teilhabe besteht.

 

Gelegentlich durchgeführte Relaxed Performances sind natürlich nur ein kleiner Bestandteil einer barrierefreien und zugänglichen Institution. Um nachhaltig Barrieren in einer Institution abzubauen und Zugänge für marginalisierte Personen zu schaffen – sei es als Publikum oder als Mitarbeitende – sollten Relaxed Performances fest im Programm verankert werden. Sie müssen aber auch in einen umfassenderen Prozess eingebunden werden, der Diversität als bereichsübergreifende Aufgabe und als Aufgabe für Mitarbeitende auf allen Hierarchieebenen definiert, und die Institution danach neu ausrichtet.