Text: Romily Walden

Übersetzung: Tora von Collani

 

Damit die individuellen Bedarfe von behinderten Künstler*innen bei der Zusammenarbeit mit anderen erfüllt werden, können diese Zugangsvoraussetzungen in einem Dokument beschrieben werden. [Anmerkung der Redaktion: So ein Dokument wird im anglophonen Sprachraum, wo es weiter verbreitet ist, „access document“ oder „access rider“ (von engl. access = Zugang) genannt].

Dadurch werden wichtige Fragen schon vor Beginn einer Arbeitsbeziehung geklärt, sodass sich Institution / Galerie / Organisation / Veranstaltungsteam und Künstler*in im Umgang miteinander sicher und wohl fühlen. 

 

Viele Institutionen sind es nicht gewohnt, mit behinderten Künstler*innen zusammenzuarbeiten. Die meisten Berliner Institutionen, mit denen ich zusammengearbeitet habe, sind mit dem Konzept eines solchen Dokuments mit meinen Zugangsbedarfen nicht vertraut. Im Folgenden habe ich beschrieben, wie ich beim Verfassen dieses Dokuments vorgegangen bin. Dabei habe ich mich von anderen behinderten Künstler*innen wie Johanna Hedva und von der Website „Access Docs for Artists“ beeinflussen lassen. Unter diesem Text finden sich auch weiterführende Literaturempfehlungen. 

 

Dieser Text soll Künstler*innen mit Behinderung und Beeinträchtigung dabei unterstützen, ihre Arbeitsbeziehungen mit Organisationen zu navigieren und mit den Erwartungen, die mit dieser Arbeit einhergehen, umzugehen. Der Text stellt damit ein Hilfsmittel für die Communitys von Menschen mit Behinderungen und/oder chronischen Krankheiten dar. Wenn Sie jedoch Kurator*in, Mitarbeiter*in einer Institution oder Kulturschaffende*r ohne Behinderung sind, soll er Ihnen helfen, besser zu verstehen, was behinderte Künstler*innen leisten müssen, um eine professionelle Beziehung zu Ihnen aufzubauen. Ich empfehle außerdem dringend, die unten angegebene weiterführende Literatur zu nutzen, um mehr über das Thema zu lernen und dadurch Ihre Arbeit in Zukunft besser zugänglich zu machen. 

 

Ein Dokument mit den eigenen Zugangsvoraussetzungen schreiben

In dem Dokument mit Ihren persönlichen Zugangsbedarfen können Sie über alles schreiben, was eine Organisation Ihrer Meinung nach wissen sollte, damit Ihre gemeinsame Arbeit zugänglicher und barrierefreier wird. Wenn Sie das Dokument in verschiedene Abschnitte unterteilen, wird es für Ihr Gegenüber verständlicher, und wenn Sie die Abschnitte nummerieren, kann man einfacher auf sie verweisen.

 

Sie sind zu keiner Zeit dazu verpflichtet, medizinische Diagnosen anzugeben oder Ihre Zugangsbedürfnisse zu begründen. Welche Zugangsvoraussetzungen Sie haben, können Sie einfach ohne weitere Erklärungen beschreiben (es sei denn natürlich, Sie möchten Erklärungen geben).

 

Die folgende unvollständige Liste schlägt Themen und Fragen vor, mit denen Sie sich bei der Erstellung des Dokuments über Ihre Zugangsbedarfe befassen können. Diese Liste wird von meiner eigenen Behinderung und den damit verbundenen Zugangsbedürfnissen beeinflusst. Sie ist deshalb sehr subjektiv und keineswegs vollständig. Sie benötigen sicherlich einiges, das hier nicht aufgelistet ist. Genauso enthält die Liste bestimmt auch Punkte, die nicht auf Sie zutreffen. Bitte verwenden Sie das, was für Sie funktioniert, und lassen Sie den Rest weg. 

 

Einleitung

Möchten Sie erklären, was ein Access Rider, ein Dokument mit Zugangsvoraussetzungen, überhaupt ist und wieso Sie eines verwenden? Dies kann für Menschen hilfreich sein, die noch nie ein solches Dokument gesehen oder mit behinderten Künstler*innen gearbeitet haben. 

Möchten Sie, dass die Empfänger*innen Ihres Dokuments bestätigen, dass sie das Dokument erhalten und gelesen haben? 

Möchten Sie einen Termin für ein Telefonat oder ein Treffen vereinbaren, nachdem die Empfänger*innen es gelesen haben, um sich über Fragen und Bedenken auszutauschen? 

In der Einleitung können Sie gut darlegen, wie Sie allgemein dazu stehen, über Ihre Zugangsbedarfe zu sprechen. Manche Menschen sind offener dafür, über die Komplexitäten und Herausforderungen von Zugangsbedingungen zu reden; andere möchten einfach, dass man das Dokument mit ihren Zugangsbedarfen liest und ohne weitere Diskussion befolgt. Das ist Ihre persönliche Entscheidung und möglicherweise ändern sich Ihre Gefühle und Ihre Einstellung dazu mit der Zeit.

 

Übersicht

Geben Sie hier einen kurzen Überblick über Ihre allgemeinen Zugangsbedarfe. 

Zum Beispiel: „Ich bin ein gehfähiger Rollstuhlfahrer.“ Oder: „Ich lebe mit einer Behinderung, die mein Energielevel und meine Mobilität beeinträchtigt.“ 

Sie sind niemals dazu verpflichtet, Diagnosen mitzuteilen, falls Sie diese haben. 

 

Kommunikation 

Haben Sie eine bevorzugte Kommunikationsmethode? 

Möchten Sie, dass Text auf eine bestimmte Art formatiert ist? Mit Aufzählungspunkten? Kurzen Absätzen? Großer Schrift? Und so weiter …

Gibt es eine Uhrzeit, zu der man Sie am besten erreichen kann? 

Würden Sie es vorziehen, dass eine Assistenz oder ein*e Freund*in bei allen Nachrichten in CC gesetzt wird?

Was kann eine Organisation von Ihnen erwarten, wenn es um das Antworten auf E-Mails oder Anrufe geht? Antworten Sie einmal pro Woche? Alle zwei Wochen? Möchten Sie von der Organisation eine Erinnerung erhalten, wenn Sie nach dieser Zeitspanne noch nicht geantwortet haben? 

Müssen Sie zusammen mit einer Organisation einen Notfallplan erstellen, falls es Ihnen für eine gewisse Zeit so schlecht geht, dass Sie nicht kommunizieren können? Das könnte zum Beispiel bedeuten, dass Sie die Kontaktdaten einer befreundeten Person oder einer Assistenz angeben, damit diese bei Bedarf mit der Organisation in Kontakt treten können. 

 

Treffen / Veranstaltungen 

Können Sie sich persönlich treffen oder ziehen Sie digitale Treffen vor? Falls es digital besser ist, welche Formate sind für Sie am zugänglichsten? Bevorzugen Sie zum Beispiel Sprach- oder Videoanrufe?

Haben Ihre Zugangsbedürfnisse Einfluss darauf, wo Sie sich treffen können?

Wenn ja, geben Sie im Detail an, was Sie benötigen. Sollte es zum Beispiel ein rollstuhlgerechter Ort sein? Mit bequemen Stühlen? Brauchen Sie die Möglichkeit, sich hinzulegen? In einem privaten Zimmer? Sollte ein*e Gebärdensprachdolmetscher*in anwesend sein? Und so weiter … 

 

Bedenken Sie, dass Sie zunächst die perfekte Situation schildern können, um dann mit den Organisator*innen daran zu arbeiten, eventuelle Defizite zu beheben. Sie können in diesem Dokument die Arbeitsumgebung beschreiben, in der Sie am besten an diesem Projekt arbeiten können. Streben Sie die besten Umstände für sich und Ihre Bedürfnisse an. Natürlich sollten Sie darauf vorbereitet sein, dass die benannten Voraussetzungen vielleicht nicht alle erfüllt werden können. Dann ist es gut, wenn Sie wissen, welche Bedingungen für Ihre Arbeit ein Muss sind. Vielleicht sind Sie einverstanden, auch unter Bedingungen zu arbeiten, die nicht ganz ideal sind. Oder Sie sind nur dann bereit zu arbeiten, wenn alle Ihre Vorgaben erfüllt werden.

 

Wenn ihr Gegenüber unbedingt pünktlich zu Treffen kommen muss, dann sollten Sie das an dieser Stelle schreiben. Zum Beispiel so: „Bitte erscheinen Sie zu Treffen so pünktlich wie möglich. Ich habe eingeschränkte Energiereserven und jede Verspätung bedeutet, dass wir weniger Zeit für unsere Zusammenarbeit haben.“ Oder: „Ich kann nur mit Assistenz reisen, so dass Verspätungen für mich sehr teuer sind.“ Oder: „Ich bin auf eine barrierefreie Beförderung angewiesen, die ich im Voraus buchen muss. Dadurch muss ich pünktlich abreisen, auch wenn das Treffen mit Verspätung beginnt.“  

 

Müssen Sie Treffen eine bestimmte Zeit im Voraus planen, damit Sie Assistenz organisieren oder Ihre Energie entsprechend einteilen können? 

Dürfen Treffen nur eine bestimmte Länge haben? 

Brauchen Sie in regelmäßigen Abständen Pausen? Wie lang sollten die Pausen sein? Benötigen Sie einen separaten Raum, in dem Sie sich während der Pausen ausruhen können? Muss dieser Raum bestimmte Kriterien erfüllen?

 

Was käme Ihnen entgegen, wenn Sie an einem Treffen nicht teilnehmen können? Soll das Treffen verschoben werden, oder reicht es Ihnen, wenn Sie im Anschluss über die besprochenen Inhalte informiert werden? Wie kann man Sie am besten informieren? Mit Notizen in Form von Stichpunkten? Über eine Sprachnachricht oder einen Anruf? Mithilfe einer vollständigen Mitschrift des Treffens? 

 

Reisen 

Müssen die Kosten Ihrer An- und Abreise zu und von Treffen und Veranstaltungen übernommen werden? 

Können Sie nur bis zu einer bestimmten Entfernung von Ihrem Haus/Atelier reisen? 

Was muss beachtet werden, wenn Sie reisen? Sind Sie auf barrierefreie Verkehrsmittel angewiesen? Brauchen Sie im Flugzeug zusätzliche Beinfreiheit? Benötigen Sie Betreuung beim Reisen? 

Müssen Sie in Ihrem Reiseplan Ruhetage einkalkulieren? Zum Beispiel: „Wenn ich international reise, benötige ich mindestens zwei volle Ruhetage vor Arbeitsbeginn. Wenn ich innerhalb desselben Landes reise, benötige ich mindestens einen vollen Ruhetag vor Arbeitsbeginn.“

Brauchen Sie auf Reisen eine bestimmte Art der Unterkunft? Ein Hotelzimmer? Eine Unterkunft mit Küche? Im Erdgeschoss? Benötigen Sie ein zusätzliches Bett oder Zimmer für eine Assistenz? Ein barrierefreies Badezimmer? 

 

Budgetierung / Zugangskosten

Welche Zugangskosten müssen für die Projektarbeit mit Ihnen einkalkuliert werden? 

Muss davon eine Person bezahlt werden, die Sie bei der Arbeit unterstützt? Falls ja, kann es hilfreich sein, hier den Tagessatz für die Unterstützung anzugeben. 

 

Wenn Sie an Veranstaltungen oder Ausstellungen teilnehmen, ist es dann für Sie wichtig, dass diese für andere Menschen mit Behinderungen und/oder chronischen Krankheiten zugänglich sind? Wenn ja, führen Sie aus, welche Vorkehrungen eingeplant werden sollten. Soll der Veranstaltungsort rollstuhlgerecht sein? Soll es Gebärdensprachdolmetscher*innen geben? Untertitel? Audiodeskription? Und so weiter … 

 

Denken Sie daran, dass es nicht Ihre Aufgabe ist, auch zu einem Sachverständigen für Barrierefreiheit zu werden. Wenn Sie in diesem Bereich Ihr Wissen teilen, dann ist das ein reines Entgegenkommen Ihrerseits und nicht Teil Ihrer Arbeit. Es ist völlig angemessen, wenn Sie sagen: „Ich erwarte, dass alle Veranstaltungen, an denen ich teilnehme, für Menschen mit Behinderung zugänglich sind. Diese Ausgaben müssen im Projektbudget enthalten sein. Wenn Sie sich nicht sicher sind, wie Sie Ihre Veranstaltung barrierefrei machen können, finden Sie am Ende dieses Dokuments weiterführende Literaturhinweise. Im Idealfall aber beauftragen Sie eine*n Expert*in.“ 

 

Die Zusatzkosten für Barrierefreiheit sollten NIEMALS von Ihrem Künstlerhonorar abgezogen werden.

 

Installationen / Aufbau von Ausstellungen

Sind Sie in der Lage, an Installationen teilzunehmen, oder benötigen Sie technische Assistenz? 

Gibt es Arbeiten, die Sie während der Installation ausführen oder nicht ausführen können? Zum Beispiel: „Ich kann bei der Installation zur Entscheidungsfindung anwesend sein, aber ich bin nicht in der Lage, manuelle Arbeit zu verrichten.“ Oder: „Ich kann maximal zwei Stunden pro Tag bei der Installation helfen, aber ich kann keine schweren Gegenstände heben.“ 

 

Möchten Sie einen Notfallplan erstellen, falls Sie während der Arbeit an der Installation nicht verfügbar sind, weil es Ihnen nicht gut geht? Dies könnte zum Beispiel bedeuten, dass Sie die Pläne für Ihre Arbeit / technischen Anforderungen ausreichend lange vor dem Installationstermin im Detail durchgehen.  

 

Vermarktung

Möchten Sie in den Marketingmaterialien auf eine bestimmte Art und Weise genannt werden? Dies beinhaltet zum Beispiel eine bestimmte Terminologie, wenn es um Ihre Identität, Ihre Behinderung oder um Pronomen und so weiter geht. 

 

Ist es Ihnen wichtig, dass die Zugangsinformationen auf allen Marketingmaterialien deutlich sichtbar sind? 

Falls ja, sollten Sie im Detail angeben, wie diese Informationen aussehen sollen, die Organisator*innen auf ein Beispiel für gelungene Zugangsinformationen hinweisen oder sie einfach bitten, das selbst herauszufinden. 

 

Hier ist ein Beispiel dafür, wie man dies formulieren kann: 

„Immer wenn mein Name auf einer Website oder in Marketingmaterialien (einschließlich sozialer Medien) auftaucht, sollen die Zugangsinformationen für die Veranstaltung / das Gebäude aufgeführt werden. Dies ist besonders wichtig, wenn der Veranstaltungsort nicht vollständig barrierefrei ist.“

 

In Zukunft 

Ist es Ihnen wichtig, dass Organisationen das, was sie bei der Arbeit mit Ihnen über Zugangsbeschränkungen gelernt haben, auch in Zukunft bei ihrer Arbeit nutzen? 

Falls ja, ist hier ein Beispiel dafür, wie man das formulieren kann: 

„Bitte ziehen Sie in Betracht, die Zugangsmaßnahmen, von denen Sie während unserer gemeinsamen Zeit erfahren haben, auch auf Ihre zukünftige Arbeit anzuwenden.“

 

Am Ende des Dokuments können Sie Literaturempfehlungen zu allen Zugangsfragen geben.

Im Folgenden einige Vorschläge von mir: