Die INITIATIVE FÜR SOLIDARITÄT AM THEATER gründete sich 2017 aus der Notwendigkeit heraus, fortwährenden Ungleichbehandlungen und Diskriminierungen im Theaterbereich entgegenzutreten. Die Kolleg*innen und Freund*innen wollten sich eindeutig gegen die Ansicht positionieren, bei diesen Vorfällen handele es sich immer um Einzelfälle und persönliche Betroffenheit. Sie engagieren sich seitdem dafür, die zugrunde liegenden ungleichen Strukturen sichtbar zu machen.

 

Vereinzelungserfahrungen führen dazu, dass viele machtkritische, von Diskriminierung betroffene Kolleg*innen dem Theater als Arbeitsbereich den Rücken kehren. Das Theater erweist sich bei genauerem Hinsehen nicht als ein utopischer Raum, in dem alle alles machen dürfen, sondern es zeigt sich, dass auch hier die strukturellen Ungleichverhältnisse der Gesellschaft reproduziert werden. Der eklatante Mangel an demokratischer Mitbestimmung steht sogar im krassen Gegensatz zu Formen der Beteiligung in anderen Bereichen der Gesellschaft (z.B. Vereine).

 

Besonders auffällig sind die hierarchischen Strukturen im Theaterbetrieb. In einflussreichen Leitungspositionen befinden sich wenig Frauen oder nicht-binäre Personen. Schauspielerinnen werden schlechter bezahlt als ihre männlichen Kollegen. Menschen, die sich nicht in das binäre Geschlechtermodell einsortieren, sind nur marginal vertreten und werden in Statistiken bisher nicht erfasst. Die öffentlichkeitswirksamen Ensemblefotos auf den Webseiten der Theaterhäuser sprechen Bände – über Schönheitsideale, Alter, Geschlecht usw.

 

Wir fragen uns: Wer ist auf der Bühne zu sehen (und wer nicht)? Wer zieht hinter der Bühne die Fäden (und wer nicht)? Welche Geschichten, welche Perspektiven, welche Ästhetiken werden überhaupt bearbeitet (und welche nicht)?

 

Das waren die Ausgangsbeobachtungen, vor allem mit Erfahrungen aus dem Stadttheatersystem der deutschsprachigen Bühnen. Aber im weiteren Austausch erweist sich auch die Freie Szene der Darstellenden Künste als ein ungleiches System. Sie mag in größerem Umfang in zeitgenössische Diskurse um Machtkritik, Subjektkritik, Postkolonialismus, Feminismus, Intersektionalität etc. involviert sein, doch erweist sie sich in ihrer Programmgestaltung weniger „frei“, da sie noch stärker von staatlichen Förderungen, inhaltlichen Vorgaben und kurzen Bewilligungszeiträumen abhängt. Und für die Künstler*innen auf der Bühne bedeutet das, neben der äußerst prekären, befristeten Projektarbeit, sich regelmäßig gegen Kolleg*innen (und Konkurrent*innen) vor Juryentscheidungen durchzusetzen. (Die Besetzung von Jurys wird dabei häufig nicht diskutiert, sondern deren vermeintlich neutrale Position angenommen.) Darüber hinaus gilt es, sich stets neu zu erfinden oder bei der eigenen, vermeintlich einzigartigen Handschrift zu bleiben, um weiterhin in der Gunst der Häuser, Festivals, Kurator*innen zu stehen und gezeigt zu werden.

 

Für beide Szenen, die auf den ersten Blick so unterschiedlich zu funktionieren scheinen, gilt jedoch derselbe Befund: ein Mangel an multiperspektivischen, die eigenen Strukturen reflektierenden und machtkritischen Stimmen, ein Mangel an verschiedenen, auch nicht normkonformen Körpern, Haltungen, Erzählweisen, Ästhetiken – außer es ist gerade thematisch in Mode. Konkreter: Es gibt nicht genug People of Colour, Menschen mit Behinderungen, ob körperlich oder neurodivers, fette Menschen, Menschen, die nicht Deutsch als Erstsprache sprechen und und und – oder Menschen, auf die eine Kombination von mehreren oder allen Aspekten zutrifft. Auch die sehr zeit- und arbeitsintensive sowie kräftezehrende Arbeitsweise im Theater wird oft nicht thematisiert. Dabei schließt der enorme Produktionsdruck eine Vielzahl von Menschen aus, die aus familiären Gründen, gesundheitlicher Disposition u.Ä. nicht auf diese Art arbeiten können.

 

Auf diesen Mangel angesprochen, erwidern Theaterschaffende mit Mehrheitsperspektive oft, dass es die Freiheit der Kunst untergraben würde, die Missstände abzubauen. Schließlich gehe es um Kunst und nicht um Repräsentation bzw. Zahlen. Es wird auf die vermeintliche Qualität der Arbeiten verwiesen, welche die erfolgreichen Künstler*innen auszeichne. Aber seien wir ehrlich: Die wenigsten künstlerischen Arbeiten sind Meisterwerke. Dennoch sind sie wichtig, weil sie Beiträge aus einer künstlerischen Perspektive zu unserer Gesellschaft sind. Und im besten Fall schaffen sie auch Orte, wo verschiedene gesellschaftliche Positionen zusammenkommen. Warum dürfen also marginalisierte Menschen nicht ebenfalls größtenteils mittelmäßige Kunst machen, genauso wie die meisten anderen auch? Und durch ein kontinuierliches Versuchen (im Theater wird ja ständig geprobt) und auch ein ständiges Scheitern gibt es die Chance, Neues zu entdecken, zu entwickeln, zu erschaffen. Doch wenn diese Gelegenheit nicht besteht, ist die Theaterlandschaft um viele mögliche Bühnenwelten ärmer.

 

Die Frage nach Zugängen ist zentral: Wer kommt überhaupt auf die Idee, im Theater arbeiten zu wollen? Wie kommt jemand dazu? Und wer kann es sich leisten? Wenn ich mich schon als junger Mensch für eine künstlerische Arbeit im Theater entscheide, spielen neben einer generellen Begeisterung auch die Fragen mit, ob ich mich von dem Erzählten angesprochen fühle und ob ich mich darin wiedererkenne. Außerdem werden Ressourcen benötigt, um sich auf oder hinter die Bühne zu begeben: Ein Studium im jeweiligen künstlerischen Bereich setzt häufig Erfahrung im Theaterbetrieb voraus, also unbezahlte Praktika, Hospitanzen. Wenn ich nicht zufällig in einer Stadt mit Theater wohne oder kostenfrei dort unterkommen kann, häufen sich Miete, Fahrtkosten, Unterhalt vor Ort. Bereits ganz zu Beginn findet also eine stille Auslese statt.

 

Die Frage nach den Zugängen gilt auch in Bezug auf das Publikum. Wenn wir im Theater sitzen und uns umschauen, sehen wir – überspitzt – abgesehen von den Schulklassen in Klassikervorstellungen und den Theaterstudierenden den sogenannten „Silberwald“, also das alternde „Bildungsbürgertum“. Wenn wir aber den „Silberwald“ nur gegen das andere anwesende Publikum stellen, verkennen wir, wer es überhaupt nicht ins Theater schafft. Warum ist es oft der Fall, dass das Publikum sich erst merklich diversifiziert, wenn die künstlerische Seite auch diverser ist? Oder dass sich das Publikum spezifische Theaterorte sucht, die Theater von/mit Menschen mit Behinderung, postmigrantisches Theater u. Ä. machen. Aber warum finden Letztere nicht auch auf den hochsubventionierten Bühnen statt? Oder die Frage nach ökonomischen Barrieren: Wenn ich noch keinen Anknüpfungspunkt mit Theater habe und auf meine Finanzen achten muss, entscheide ich mich wirklich dafür, Geld für eine Theaterkarte auszugeben?

 

Theaterschaffende und -schauende sind noch mehrheitlich der Meinung, dass Theater gleichzusetzen sei mit Kritik.

Als Initiative beobachten wir viele Schieflagen, Missstände, Ungleichgewichte in Bezug auf das gegenwärtige Theatersystem. Im Zentrum unserer Analyse steht das Auseinanderklaffen von Anspruch und Wirklichkeit. Theaterschaffende und -schauende sind noch mehrheitlich der Meinung, dass Theater gleichzusetzen sei mit Kritik. Kritik an der Gesellschaft, an der politischen Situation, an der conditio humana etc. Jedoch zeigt sich im Arbeitsalltag, dass die mündigen Haltungen, die in Theatertexten gesprochen werden, und mutige ästhetische Positionen auf und hinter der Bühne keine Umsetzung in die Praxis finden. Im Gegenteil: Es werden toxische hierarchische Beziehungsstrukturen zwischen Theaterleitung und Angestellten, zwischen Regisseur*in und Schauspieler*innen, zwischen Künstlerischer Leitung und Assistenzen ertragen. Wir leben in einer Zeit, in der Schwarze Schauspieler*innen noch immer mit dem N-Wort beschimpft werden, in der Schauspieler*innen of Colour mit Akzent sprechen und „das Andere“ darstellen sollen, in der Blackfacing, Yellowfacing, Redfacing noch immer entschuldigt wird, in der Künstler*innen mit Behinderung nur aufgrund ihrer Behinderung engagiert werden, wenn es zum Stück passt, und nicht einfach als Künstler*in, in der Transkünstler*innen oder Künstler*innen mit einer nicht-binären oder fluiden Geschlechtsidentität keine sicheren Orte im Theater finden, weder in Umkleideräumen noch Toiletten, geschweige denn auf den Bühnen, und in denen Frauen weiterhin auf der Bühne „nur gespielt“ vergewaltigt werden und in der Männer zur „gespielten“ Reproduktion von Gewalt gegen Frauen beitragen müssen.

 

Wir sagen: Das muss sich ändern! Nicht, weil man das nicht mehr „darf“. Es geht nicht darum, die Kunstfreiheit zu beschneiden, sondern übergriffigem Verhalten aus privilegierten Positionen Einhalt zu gebieten. Das, was auf den Bühnen geschieht, bekommt durch die Umsetzung auf der Bühne eine materielle Wirklichkeit. Wenn wir nur bestimmte Körperformen, Kommunikationsoder Verhaltensweisen sehen, trägt sich das auch zurück in die Gesellschaft und festigt, was diese als „Norm“ ansieht und privilegiert.

 

Durch Verbote lässt sich das unserer Meinung nach nicht durchsetzen, nur durch kontinuierliche Auseinandersetzung mit den eigenen Handlungen – aus welchen Haltungen sie rühren und welche Konsequenzen sie haben, vor allem für andere, weniger privilegierte Kolleg*innen.

 

Unsere Strategie ist das Eingehen von vielen intersektionalen Bündnissen mit Blick auf die Bedürfnisse von marginalisierten Menschen in unserer Gesellschaft, das heißt Menschen, die tagtäglich Kämpfe austragen gegen Rassismus, Sexismus, Klassismus, Ableismus, Ablehnung nicht-binärer Geschlechteridentitäten usw. Es geht darum, das Gegeneinander-Ausspielen von marginalisierten Menschen und Gruppen zu vermeiden.

 

Wir haben einen Workshop entwickelt, „How to be an ally – Solidarität praktizieren“, in dem es um die Auseinandersetzung mit eigenen Privilegien geht und wie man diese nutzbar machen kann für marginalisierte Mitmenschen. Es geht darum, konkrete Strategien zu entwickeln und bisher gesammelte miteinander zu teilen. Solidarität tragen wir im Namen als eine Wieder- und Neuaneignung eines Kampfbegriffs gegen Ungleichheit und hierarchische Strukturen. Wir wollen den Begriff füllen, und zwar mit konkreten solidarischen Handlungen. Wir behaupten nicht, außerhalb des Systems zu stehen, vielmehr erkennen wir an, dass wir uns darin befinden und es deshalb an jede*r einzelnen von uns ist, aktiv zu sein gegen Ungerechtigkeiten und Machtmissbrauch. Und wenn ein Mitmensch durch Ausgrenzungserfahrungen keine Kraft dazu hat, sollte meine Handlung darin bestehen, diesen zu unterstützen.

 

Jedoch werden auch in solidarischen Zusammenschlüssen hierarchische Strukturen reproduziert, und wir können dies nur durch kontinuierliche Selbstkritik reflektieren. Das verlangsamt Prozesse und erschwert konkrete Positionsbestimmungen durch andere. Aber es ermöglicht eine Logik des UND, die kritisch, affirmierend und einschließend ist.

 

Text: Initiative für Solidarität am Theater