Aktenschränke mit geöffneten Schubladen, aus denen Zettel fliegen, eine Uhr und ein Stundenglas, Zeitungsartikel, Jahreszahlen

Text: Niusha Ramzani, basierend auf einem Interview mit Fariba Noori

 

Im Jahr 2000 trifft sich bei der KuB (Kontakt- und Beratungsstelle für Flüchtlinge und Migrant*innen) eine kleine Selbsthilfegruppe persischsprachiger blinder Menschen. Sie sprechen über Isolation, über fehlende barrierefreie Angebote und über ihre Sehnsucht nach Literatur in der eigenen Sprache. Ein Jahr später, 2001, werden aus diesen Gesprächen Aufnahmen, ein Archiv und schließlich eine Institution: In den Räumen der KuB entsteht die Hörbücherei für Persisch sprechende Blinde – heute eine der größten persischsprachigen Hörbüchereien weltweit. 

 

Die KuB wurde 1983 in West-Berlin als selbstorganisierte Initiative gegen die rassistische Asyl- und Aufenthaltspolitik jener Jahre gegründet. Bis heute versteht sie sich als politisch unabhängige, rassismuskritische Beratungsstelle, die möglichst ohne Hierarchien und Barrieren arbeitet und sich an der Autonomie der Ratsuchenden orientiert. Dass die Hörbücherei hier entstehen konnte, war daher kein Zufall. Entscheidend war auch, dass mit Dr. Ali Tinaye-Tehrani bereits jemand Teil der KuB war, der als blinde Person aus dem Iran die Bedarfe seiner Community kannte. Er gab den Gesprächen der Selbsthilfegruppe eine Richtung und verwandelte sie in ein dauerhaftes Projekt.

 

Diese Geschichte beginnt jedoch lange vor Berlin. Ihre Fäden ziehen sich über Kriege, Fluchterfahrungen, digitale Infrastrukturen und ehrenamtliche Sorgearbeit. Und sie ist eng verbunden mit Fariba Noori, deren Beziehung zu Büchern zu einer Lebenslinie geworden ist – für sie selbst und für Tausende andere.

 

Migration, Ausschluss und der Mangel an zugänglicher Literatur

Die Entstehung der Persischen Hörbücherei lässt sich nur verstehen, wenn man die historischen Bewegungen betrachtet, die Menschen aus Iran, Afghanistan und Tadschikistan seit den 1970er Jahren nach Europa führen: die iranische Revolution und der achtjährige Iran-Irak-Krieg, die sowjetische Invasion Afghanistans und die darauffolgenden jahrzehntelangen Kriege, der Bürgerkrieg in Tadschikistan. In mehreren Wellen kommen Menschen aus Iran, Afghanistan und Tadschikistan nach Europa – unter ihnen viele blinde und sehbehinderte Menschen.

 

In Deutschland treffen sie auf ein Versorgungssystem, das weder auf ihre Sprachbedürfnisse noch auf die notwendige Barrierefreiheit ausgelegt ist. Hörbücher existieren, aber fast ausschließlich auf Deutsch; Sprachkurse sind kaum zugänglich; viele Migrant*innen mit Behinderung fallen aus den ohnehin lückenhaften Angeboten heraus. Für viele entsteht eine doppelte Unsichtbarkeit: als Migrant*innen und als blinde Menschen, deren Zugang zu Literatur, Wissen und kultureller Orientierung faktisch nicht mitgedacht wird.

 

Heute lebt in Deutschland eine der größten persischsprachigen Communitys Europas. 2022 waren rund 425.000 Menschen afghanischer Herkunft und über 300.000 Menschen mit iranischem Migrationshintergrund im Land. Nicht alle sprechen Persisch als Muttersprache – Iran und Afghanistan sind multiethnisch und multilingual – doch die Zahlen zeigen, wie stark die persische Sprache (Farsi/Dari) hier präsent ist. Für blinde Angehörige dieser Communitys bleibt der Bedarf an Literatur in der eigenen Sprache besonders groß.

 

Eine Selbsthilfegruppe, ein leerer Raum und die Idee einer Hörbücherei

Um 2000 entsteht bei der KuB eine Selbsthilfegruppe für persischsprachige blinde Migrant*innen. Hier beginnt, was später eine transnationale Infrastruktur werden soll. Von Anfang an prägt Ali Tinaye-Tehrani dieses Projekt. Er gründet 2001 die Hörbücherei, nicht nur als Idee, sondern als konkrete Struktur: Als selbst blinder KuB-Mitarbeiter schafft er die ersten Verbindungen zwischen Berlin und der iranischen Blindencommunity, digitalisiert Kassetten, baut Archive auf und beginnt damit, die ersten Hörbücher zu produzieren. Er ist die historische und politische Schlüsselfigur der frühen Jahre. Heute gehört er dem Vorstand der KuB e.V. an. 

 

Es beginnt mit Kassetten, die mühsam digitalisiert und auf CDs gebrannt werden. Die ersten Nutzer*innen sind Blinde in Berlin – doch bald kommen Anfragen aus Afghanistan. 2007 verschickt die KuB allein 3.000 CDs an blinde Menschen in Kabul. Schnell ist klar: Dieses Projekt ist nicht lokal begrenzt, sondern antwortet auf einen globalen Mangel. Von Anfang an ist es eine Community-Struktur, keine staatliche Institution: Blinde Menschen organisieren sich selbst, bestimmen ihre Bedarfe und bauen eine Infrastruktur auf, die ihnen zuvor verwehrt war.

 

Fariba Noori: Eine Biografie zwischen Literatur, Selbstermächtigung und Migration

Fariba Noori wächst als sehbehinderte Person in Iran auf, liest leidenschaftlich, studiert, arbeitet zwölf Jahre bei einer Versicherung. Bücher sind ihr Kompass. „Ich hatte eine große Sehnsucht nach Büchern“, sagt sie. „Ich vermisste es, jedes Magazin lesen zu können, das mich interessierte.“

 

Mit 18 erblindet sie durch eine Augenoperation. Barrierefreie Literatur in persischer Sprache ist rar, die wenigen Angebote schwer zugänglich. Also beginnt sie selbst zu produzieren: Freundinnen lesen ihr vor, sie nimmt alles auf, sortiert, korrigiert, baut ein kleines privates Archiv auf. „Ich habe irgendwann verstanden: Ich kann selbst Bücher zugänglich machen“, erzählt sie.

 

Noch bevor sie nach Deutschland migriert, wird sie über das Internet Teil der entstehenden Hörbücherei der KuB. Ali Tinaye-Tehrani bindet sie als Kontaktperson in Iran ein; sie organisiert dort Sprecher*innen, Aufnahmestudios, den Austausch mit Blindenbibliotheken, koordiniert Dateien, unterstützt Studierende. Als sie später selbst nach Deutschland kommt, kennt sie die Hörbücherei längst von innen.

 

Doch ihre Migration nach Deutschland bringt neue Barrieren: Die Anerkennung ihrer Abschlüsse zieht sich über Jahre hin, geeignete Sprachkurse für blinde Menschen sind selten, und Sanktionen erschweren die digitale und finanzielle Zusammenarbeit mit Iran. „Es hat zehn Jahre gedauert, bis ich mich beruflich wieder orientieren konnte“, erzählt sie. Die Arbeit an der Hörbücherei bleibt in dieser Zeit ihr Halt: „Wenn ich unruhig bin, setze ich mich an die Hörbücherei. Dann vergesse ich die Zeit.“

 

Von der Kassette zur Cloud und zurück zur CD

Die technische Entwicklung der Hörbücherei spiegelt die globale Ungleichheit, in der die Hörbücherei arbeitet, und zugleich ihre bemerkenswerte Anpassungsfähigkeit. In den Anfangsjahren werden Hörbücher, die auf Kassetten kursieren, digitalisiert und auf CDs gebrannt. Früh beginnt die Hörbücherei, digitale Technologien in ihre Arbeit zu integrieren – zu einer Zeit, in der viele öffentliche Bibliotheken noch weitgehend analog arbeiten. Als Internetverbindungen stabiler werden, entsteht eine digitale Plattform: ein passwortgeschützter, barrierefreier Zugang, über den blinde Nutzer*innen weltweit Hörbücher herunterladen können.

 

Doch diese Digitalisierung endet dort, wo die politischen und technischen Bedingungen ihrer Hörer*innen sie begrenzen. In vielen iranischen und afghanischen Regionen ist die Internetverbindung instabil, Webseiten werden gefiltert oder Dienste gesperrt. Für viele Nutzer*innen ist ein Download schlicht nicht möglich. Die Hörbücherei passt sich an: Sie verschickt weiterhin CDs und MP3-Player – manchmal in Dörfer, in denen es kein stabiles Internet gibt, manchmal an Studierende, die ohne diese Dateien ihr Studium abbrechen müssten. Fariba berichtet zudem, dass viele Dateien in mehreren Formaten produziert werden müssen, weil die Geräte und technischen Möglichkeiten der Nutzer*innen stark variieren. Vieles wird in improvisierten „Heimstudios“ und selbstgebauten Tonkabinen aufgenommen. Diese Flexibilität, zwischen analog und digital zu wechseln, ist Ausdruck einer Politik der Fürsorge: Die Hörbücherei richtet sich nach den Lebensrealitäten ihrer Nutzer*innen, nicht nach Idealen von Digitalisierung.

 

Ein transnationales Netzwerk mit knappen Ressourcen

Parallel zur Digitalisierung entsteht ein Netzwerk, das von Berlin aus bis in die Provinzen Isfahan und Abadan reicht. Bei Vernetzungstreffen in Bibliotheken oder über Skype sprechen Blindenbibliotheken und ehrenamtliche Sprecher*innen darüber, welche Bücher fehlen, welche neu eingelesen wurden und wie sie Doppelarbeit vermeiden können. Sie tauschen Dateien, koordinieren Neuerscheinungen und richten Tonstudios ein, wenn lokale Ressourcen fehlen.

 

In den Jahren 2014 und 2015 wird dieses Netzwerk um ein neues Format erweitert: Mit Goftegoo (auf Deutsch Gespräch) entsteht ein digitales Hörmagazin von Blinden für Blinde. In mehreren Ausgaben informiert es sowohl im Audio- als auch im Textformat über blindenspezifische Themen – über politische Entscheidungen, technische Innovationen und Veranstaltungen in den Herkunfts- wie auch den Einwanderungsländern. Hörbücherei und Hörmagazin verweisen aufeinander und schaffen eine gemeinsame Plattform, über die sich persischsprachige blinde Menschen weltweit vernetzen können.

 

Unterstützung kommt von KuB und zeitweise von der Omid-Stiftung in München, die Braillezeilen und MP3-Player finanziert. Dennoch bleibt die Arbeit prekär. Sanktionen verhindern Überweisungen an Sprecher*innen in Iran; Projektförderungen laufen aus; viele Stunden Arbeit bleiben unbezahlt. „Manche geben ihr Geld für Urlaub aus“, sagt Fariba. „Wir geben unseres dafür aus, Bücher für uns und unsere Community einzulesen.“
 

Warum eine eigene Hörbücherei, wenn es doch heute so viele Hörbuch-Plattformen gibt?

Auf YouTube und iranischen Plattformen gibt es heute viele Hörbücher. Doch keine Alternative erfüllt die Rolle der Hörbücherei. Kommerzielle Plattformen sind selten barrierefrei programmiert. Buttons, Player, Suchfunktionen sind mit Screenreadern schwer navigierbar. Außerdem richten sie ihre Inhalte nach Marktlogik aus – Romane verkaufen sich, Fachliteratur kaum.

 

Die Hörbücherei dagegen arbeitet bedarfsorientiert: Wenn Studierende Fachbücher brauchen, werden sie produziert. Wenn jemand politische Magazine sucht, die in Iran verboten sind, versucht die Hörbücherei Lösungen zu finden. Denn der Zugang zu Literatur ist in Iran nicht nur eine technische Frage, sondern auch eine politische. Manche Titel sind verboten oder nur zensiert verfügbar. Die Hörbücherei muss daher sorgsam abwägen, wie Dateien verschickt und Sprecher*innen geschützt werden können: durch Anonymisierung von Stimmen, dezentrale Aufnahmen oder die Produktion im Ausland. Es ist ein stilles Feld politischer Arbeit, immer zwischen Sichtbarkeit und Sicherheit.

 

Doch vielleicht das Wichtigste: Die Hörbücherei ist ein sozialer Raum. Hier entsteht eine Form von Gemeinschaft, in der Isolation durch Austausch ersetzt wird, besonders für jene, die in der Diaspora wenig Kontakt zu anderen blinden Menschen haben.

 

Bücher als Verbindung zur Welt

Fariba beschreibt Bücher immer wieder als eine Form der Weltöffnung. „Bücher sind wie ein Fenster“, sagt sie. „Wenn man nicht sieht, bleibt vieles verschlossen. Ein Hörbuch kann ein Fenster öffnen.“ Romane schaffen Räume des Imaginären, Fachbücher ermöglichen Ausbildung und Studium, politische Texte bieten Orte der Reflexion – gerade dort, wo Öffentlichkeit beschränkt ist.

 

Für Menschen, die durch Krieg, Armut, Sanktionen oder Asylsysteme isoliert leben, können Hörbücher zu einer Form von Selbstbestimmung werden, und manchmal zu ihrer einzigen Verbindung zur Außenwelt.

 

Eine unsichere Zukunft und Wunsch nach mehr Struktur, mehr Verbündete, mehr Bücher

Heute arbeitet Fariba mit einem sehr kleinen, überwiegend ehrenamtlichen Team an der Weiterentwicklung der Hörbücherei. Viele Aufgaben bleiben liegen, weil die Ressourcen fehlen. Die Vision ist dennoch klar: eine stabile Finanzierung, mehr technische Infrastruktur, weitere Hörmagazine und Online-Formate und vor allem eine verlässliche Versorgung blinder Menschen in Iran, in Afghanistan, in Deutschland und weltweit.

 

Fariba wünscht sich in Zukunft mehr Anerkennung und Sichtbarkeit für blinde Migrant*innen, auch innerhalb der kulturellen und politischen Landschaft in Deutschland. Sie möchte Dialoge zwischen persischsprachigen und deutschsprachigen Behindertenrechtsbewegung schaffen und Formate, in denen blinde Menschen selbst erzählen, welche Literatur sie brauchen und wie sie leben.

 

„Manche gehen an den See, um zu entspannen“, sagt Fariba. „Ich gehe in meinen Büchern spazieren. Und ich möchte, dass möglichst viele andere diesen Weg auch gehen können.“

 

Über die Autorin

Niusha Ramzani arbeitet als Kunstvermittlerin und politische Bildnerin in Berlin. Ihre Praxis bewegt sich an den Schnittstellen von Kunst, Bildung und Community-Arbeit in migrantischen und diasporischen Kontexten. Sie entwickelt kollaborative Formate, die Räume für Austausch, Selbstorganisation und kollektive Wissensproduktion schaffen. Sie arbeitete u. a. mit Berlin Biennale, Schwules Museum und Floating University Berlin.