Stimmen aus dem Exil – Die African Writers Association im West-Berlin der 1980er Jahre
Text: Philipp Khabo Koepsell
A All along united we stand
W With open hands and hearts together we remain
A Africa as one to unite
F For colonialism us has divided
I Imperialism us is exploiting with
N Natural catastrophes the order of the day
N Notwithstanding all these prejudices
A Alas our spears high we raise
B Blowing the horns of our fore-fathers aloud
A Africa from oppression, suppression and all ISMS to redeem
– Alimany L. Sesay (AWA-Finnaba. No. 3, April/Mai 1984)
West-Berlin war zu Anfang der achtziger Jahre ein brodelndes Labor diverser sozialer, kultureller und aktivistischer Strömungen und Experimente. Besonders im ehemaligen Arbeiterbezirk Kreuzberg entstand eine neue urbane Kultur. Hier trafen die Anti-Kriegsbewegung, Anti-Atomkraft-Bewegung, die Frauenbewegung und die Anti-Apartheid-Bewegung auf Hedonismus, Kapitalismus, Punk, Trommelgruppen und die Neue Deutsche Welle.
Eines der Kreuzberger Kulturzentren war das Bildungs- und Aktionszentrum (BAZ). Hier in der Oranienstraße 159 trafen sich afrikanische Studierende, Exilant*innen, Musiker*innen und Autor*innen aus Ghana, Kenia, Gambia, Uganda, Sierra Leone, Namibia, Somalia und Südafrika. Das 1982 eröffnete, selbstverwaltete und politisch unabhängige Zentrum finanzierte sich überwiegend aus Beiträgen der Mitgliedsgruppen, durch Zuschüsse zu Veranstaltungen sowie durch Spenden. Zum BAZ gehörten ein Büro, ein Archiv mit Büchern und Zeitschriften über Afrika, Südostasien und den Nahen Osten, eine Schule für Deutschkurse, ein Mitgliedercafé und ein Buchladen, der vom Treffpunkt Dritte Welt betrieben wurde.
In dieser bunten Mischung aus deutschen Solidaritätsinitiativen und afrikanischer Diaspora formierte sich 1983 die African Writers Association (AWA). Hierbei handelte es sich um einen eher freien Zusammenschluss junger afrikanischer Lyriker*innen, Schauspieler*innen und Musiker*innen, die in Kulturzentren und Privatwohnungen Happenings aus Poesie-Lesungen und Musik veranstalteten. Hierzu gehörten auch Auftritte im Forum Unbekannter Autoren (Heute “Autorenforum Berlin e.V."), Café Nollendorf, dem British Council, beim Black Cultural Festival in Kreuzberg und dem “African Bazaar” im BAZ. Die Mitbegründer Vusi Mchunu und Herbert Mbukeni Mnguni waren beide südafrikanische Exilanten, die in den Jahren davor vor dem Apartheidsregime in Südafrika geflohen sind.
Eine Zeitschrift als neue Stimme
Das Sprachrohr der African Writers Association war das Magazin AWA-Finnaba – An African Cultural-Literary Journal, ein selbstverlegtes Literaturmagazin im DIN-A5-Format. Mchunu, damals Praktikant in der linken Berliner Druckerei Systemdruck, druckte es eigenhändig im Offset-Verfahren. Lokale Buchhandlungen wie Horizonte, Third World Books und die Marga Schoeller Bücherstube erklärten sich bereit, das Magazin in ihr Sortiment aufzunehmen und zu verkaufen.
Mchunu lebt heute wieder in Johannesburg und veröffentlicht weiterhin Poesie unter dem Pseudonym Macingwane. Er erinnert sich an die frühen Tage von AWA-Finnaba:
“West Berlin was slowly gaining traction as a host of internationally celebrated African and African Diaspora writers . As young students, we attended and learned a lot from the lectures, readings and presentations by these visiting African authors, invited within the German cultural exchange programmes. I remember the inspirational talks of Wole Soyinka and Ken Sarowiwa from Nigeria, Mongo Beti from Cameroun, Mazisi Kunene and Ntongela Masilela from South Africa, Ngugi Wa Thiongo from Kenya and Abdul Alkalimat, the African American scholar. The A5 books of the African Writers Heinemann Publishers series, were a huge inspiration to us. Any Black person then, and even today, is always confronted by misrepresentation in Germany on their identity, history, culture, aspirations and capabilities. There is this ongoing instinct to apply all media platforms to correct this colonial, racist and demeaning portrayal of Black people, and to start a conversation amongst equal human beings. AWA Finnaba sought to add a new voice in this call.”1
(deutsche Übersetzungen in Fußnote)
In den Texten der ersten Jahre mischten sich Lyrik, Essays, politische Kommentare und Reportagen. Die Zeitschrift war prinzipiell dreisprachig - Englisch, teils Französisch, gelegentlich auch Deutsch - und von Beginn an offen für vielfältige, internationale Stimmen. Neben Mchunu und Mnguni und anderen in West-Berlin ansässigen Autor*innen beteiligten sich auch internationale Schriftsteller*innen wie Lorna Goodison, Dennis Brutus, Rebecca Matlou, Freddy Macha, Ntongela Masilela, oder Marika Gwala. Viele von ihnen lebten im Exil, verfolgt von Regimen in ihren Herkunftsländern oder eingeschränkt durch Zensur.
Die Texte handelten von Entfremdung und Isolation, vom kolonialen Erbe, von Liebe und Musik, Erinnerung und Heimat. Zwischen Gedichten über Trommeln und Straßenszenen stehen Essays über Nelson Mandela, Steve Biko oder Frantz Fanon. Finnaba ist nicht dogmatisch, aber dezidiert politisch; „a platform for progressive, anti-colonial, anti-imperialist, pro-democracy writers“, wie Mchunu betont.
Vernetzungstool AWA Finnaba
Auch Protagonist*innen der afrodeutschen Bewegung kamen im Magazin zu Wort. Eine der frühen Ausgaben enthält ein Interview mit der “Initiative Schwarze in Berlin” (später Initiative Schwarze Menschen in Deutschland, ISD), vertreten durch May Ayim und John A. Kantara; ein frühes Zeugnis des Dialogs zwischen afrikanischen und afro-deutschen Akteur*innen, noch bevor der Begriff "Afrodeutsch" breite Öffentlichkeit fand.
“I believe that it is initially the activism, solidarity work and the leadership of the African students, that spawned the Black German movement. Not the other way round. We conscieatised, assisted in the formation and gave voice to the Afro-Germans. After all they were our children, who needed mentally arming for the challenge of being Black in Germany.”2
Das Magazin hat enge Verbindungen zu Solidaritätsgruppen, zur Anti-Apartheid-Bewegung und zum südafrikanischen Black Consciousness Movement. Doch AWA vermeidete jede Parteibindung: „The creative arts should avoid being propagandistic, partisan, and should unite and not divide the progressive movement.“3
Zugleich pflegte die African Writers Association auch internationale Kontakte zu gleichgesinnten Projekten. Über die International Book Fair of Radical Black and Third World Books in London, gegründet von John La Rose aus Trinidad, knüpften AWA-Mitglieder Kontakte zu progressiven Denker*innen aus der Karibik, Frankreich und Afrika. Mchunu beschreibt diese Reisen wie folgt:
“This was a platform to link up with the African and Arab progressives from France, with thought leaders from the entire Black world. These visitations sharpened the content and method of struggle by Blacks in Berlin. Research on Black arts, culture, heritage and literature production should go in that direction.”4
Im Jahr 1984 organisierte die AWA gemeinsam mit befreundeten Gruppen die 100-Jahres-Gedenkveranstaltung zur Berliner Kongo-Konferenz von 1884/85, das dreimonatige Symposium, auf der die europäische Vorherrschaft festgelegt und die Landesgrenzen des afrikanischen Kontinents fremdbestimmt wurden. Die Veranstaltung fand statt am Hebbel am Ufer und war Teil des Programms “Finis Africae”. Damit gehörte sie zu den ersten Initiativen der Nachkriegsjahre, die das koloniale Erbe der Stadt öffentlich thematisieren. Mchunu erinnert sich im Interview:
“The awareness on the significance of the centenary of the Berlin Congo Conference and the carving up of Africa by the European powers in 1884, was generally shared amongst the progressive movement. AWA Finnaba, as the voice and record of those times, sought to cover most of the commemorative actions and events at the time. The Bildung und Aktions Zentrum Berlin (BAZ) in Oranienstrasse, Kreuzberg was the central meeting point for African refugees, students, solidarity movement activists and artists. There was also Böckler Park and the African students at the Technical University and the Free University. The Evangelical and the Catholic Church priests and students also did their solidarity bit. There were lectures, film shows and cultural gatherings with poetry, music and drumming.”5
Magazin im Wandel
In den späteren Ausgaben (1985–1987) wandelte sich das Magazin. Die grafische Gestaltung wurde professioneller, die Themen internationaler. Eine Ausgabe widmete sich dem Soweto-Aufstand, eine andere dem südafrikanischen Jazzmusiker Johnny Dyani; beides Symbole des Widerstands. Das Cover der zehnten Ausgabe (1987) zeigt in großen Buchstaben “Spirits of Biko”. Darunter das Porträt eines gefesselten Mannes; ein Bild, das zum Sinnbild für Finnaba wird. Im Editorial heißt es: “We have grown, we have matured, we have refused to be silenced.” (dt.: „Wir sind gewachsen, wir sind gereift, wir haben uns nicht zum Schweigen bringen lassen.“)
Gleichzeitig öffnet sich die Zeitschrift neuen Sprachräumen: Portugiesisch, Spanisch, Französisch und Deutsch erscheinen nun neben Englisch. Berlin wird zu einem transnationalen Knotenpunkt Schwarzer Kulturproduktion. Im Jahr 1989 ging Finnaba in der neuen Zeitschrift IsiVivane auf. Der Wechsel symbolisiert eine Art „Erwachsenwerden“, wie Mchunu sagt:
„It was a rite of passage where the adolescent AWA-Finnaba was coming of age as a bigger A4 format magazine… We were growing collaborations with sister activist creative journals in Germany, Paris, London, West Africa and South Africa.“6
Mit IsiVivane erreichte die Bewegung eine neue Professionalität. Farbseiten, Fotografien, Anzeigen; eine Zeitschrift, die sich auf dem internationalen Markt behaupten könnte. Doch schon kurz darauf veränderte sich alles: Nelson Mandela wurde aus der Haft entlassen, das Apartheid-Regime wankte, viele Exilierte kehrten zurück nach Südafrika. Auch Mchunu entschloss sich, Berlin zu verlassen, mit einem Gefühl von Aufbruch und Abschied zugleich. “Then boom, Nelson Mandela was released from Robben Island prison and it was time to return home!” (dt.: „Und dann, boom. Nelson Mandela wurde aus dem Robben Island Gefängnis entlassen und es war an der Zeit für uns nach Hause zurückzukehren!“)
Einfluss bis heute
Die Spuren von AWA-Finnaba und der African Writers Association sind im öffentlichen Gedächtnis fast verschwunden. Ihre Mitglieder leben heutzutage fast alle wieder in ihren Herkunftsländern. Das Magazin ist nur in wenigen Fachbibliotheken in und außerhalb Deutschlands zu finden. Ihre Arbeit war ein früher Versuch, Schwarze Perspektiven in Deutschland hörbar zu machen, Jahre bevor postkoloniale Diskurse akademisch Fuß fassten. Viele der Themen, die die AWA in den achtziger Jahren aufgriff (koloniale Erinnerung, afrikanische Diaspora, Selbstrepräsentation, Solidarität) bestimmen noch heute die Arbeit Schwarzer Kulturinitiativen in Berlin. Von den literarischen Festivals im Haus der Kulturen der Welt bis zu den Spoken-Word-Bühnen in Neukölln hallt etwas von dieser Energie nach.
Was die Africa Writers Association auch aus historischer Sicht spannend macht, ist die Tatsache, dass sie Zeugnis dafür war, dass Schwarzer Aktivismus in West-Berlin eben nicht nur von der afrodeutschen Bewegung um ADEFRA und ISD (Initiative Schwarze Menschen in Deutschland) ausging. Afrikanische Studierende, Geflüchtete – temporäre Communities Schwarzer Kulturschaffender – hat es in der gesamtdeutschen Geschichte immer wieder gegeben. Nur finden sie sich nicht in den Geschichtsbüchern wieder. Die AWA war keine Institution im klassischen Sinn, sondern ein lebendiges Kollektiv, ein Netzwerk von Menschen, die schrieben, performten und diskutierten, um eine andere, postkoloniale Welt denkbar zu machen.
Wenn man heute ein Exemplar von AWA-Finnaba in den Händen hält, riecht man noch den Offset-Druck, spürt den handgeschnittenen Satzspiegel, sieht die Linien von Schreibmaschinen und Klebstoff. Es ist nicht nur ein Artefakt, sondern ein Zeugnis gelebter Solidarität zwischen Kontinenten, Generationen und Sprachen. In einer Stadt, die sich ständig neu erfindet, erinnert AWA-Finnaba an eine Zeit, in der Berlin nicht nur ein Ort der Teilung, sondern auch der einer neuen afrikanischen Öffentlichkeit war.
Zum Autor
Philipp Khabo Koepsell ist Berliner Spoken-Word-Performer, Autor, Dramaturg und Herausgeber deutsch-südafrikanischer Herkunft. In seiner Arbeit verbindet er künstlerische, akademische und aktivistische Perspektiven und bewegt sich zwischen Lyrik, Performance, Theater und kuratorischer Praxis.
Inhaltlich setzt er sich insbesondere mit Afrofuturismus, Fragen von Identität sowie mit Rassismus und kolonialen Kontinuitäten in Deutschland auseinander. Seine Texte und Performances wurden international auf Literaturfestivals, Bühnen und akademischen Konferenzen präsentiert. Koepsell studierte Afrikawissenschaften und Englisch an der Humboldt-Universität zu Berlin und arbeitete unter anderem am Ballhaus Naunynstraße und der Schwarzen Community-Initiative Each One Teach One (EOTO) e.V.
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„West-Berlin gewann langsam an Bedeutung als Gastgeber für international gefeierte Schriftsteller*innen aus Afrika und der afrikanischen Diaspora. Als junge Studierende nahmen wir an den Vorträgen, Lesungen und Präsentationen dieser afrikanischen Autor*innen teil, die im Rahmen deutscher Kulturaustauschprogramme eingeladen worden waren, und lernten dabei viel. Ich erinnere mich an die inspirierenden Vorträge von Wole Soyinka und Ken Sarowiwa aus Nigeria, Mongo Beti aus Kamerun, Mazisi Kunene und Ntongela Masilela aus Südafrika, Ngugi Wa Thiongo aus Kenia und Abdul Alkalimat, dem afroamerikanischen Gelehrten. Die A5-Bücher der Reihe „African Writers Heinemann Publishers“ waren für uns eine große Inspiration. Jeder Schwarze Mensch war damals und ist auch heute noch in Deutschland mit einer falschen Darstellung seiner Identität, Geschichte, Kultur, Bestrebungen und Fähigkeiten konfrontiert. Es besteht der anhaltende Instinkt, alle Medienplattformen zu nutzen, um diese koloniale, rassistische und erniedrigende Darstellung Schwarzer Menschen zu korrigieren und einen Dialog zwischen gleichberechtigten Menschen zu beginnen. AWA Finnaba wollte dieser Forderung eine neue Stimme geben.“
- 2
„Ich glaube, dass es zunächst der Aktivismus, die Solidaritätsarbeit und die Führungsrolle der afrikanischen Studierenden waren, die die Bewegung der Schwarzen Deutschen hervorgebracht haben. Nicht umgekehrt. Wir haben die Afrodeutschen sensibilisiert, bei ihrer Bildung unterstützt und ihnen eine Stimme gegeben. Schließlich waren sie unsere Kinder, die mental auf die Herausforderung vorbereitet werden mussten, in Deutschland Schwarz zu sein.“
- 3
„Die kreativen Künste sollten es vermeiden, propagandistisch oder parteiisch zu sein, und sollten die progressive Bewegung vereinen anstatt sie zu spalten.“
- 4
„Dies war eine Plattform, um mit den afrikanischen und arabischen Progressiven aus Frankreich und mit Vordenker*innen aus der gesamten Schwarzen Community in Kontak zu treten. Diese Besuche haben den Inhalt und die Methoden des Schwarzen Kampfes in Berlin geschärft. Die Forschung zu Schwarzer Kunst, Kultur, Tradition und Literaturproduktion sollte in diese Richtung gehen.“
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„Das Bewusstsein für die Bedeutung des hundertjährigen Jubiläums der Berliner Kongo-Konferenz und der Aufteilung Afrikas durch die europäischen Mächte im Jahr 1884 war in der progressiven Bewegung allgemein verbreitet. AWA Finnaba, als Stimme und Chronistin dieser Zeit, versuchte, über die meisten Gedenkaktionen und Veranstaltungen zu berichten. Das Bildungs- und Aktionszentrum Berlin (BAZ) in der Oranienstraße in Kreuzberg war der zentrale Treffpunkt für afrikanische Geflüchtete, Studierende, Aktivist*innen der Solidaritätsbewegung und Künstler*innen. Hinzu kamen der Böcklerpark und die afrikanischen Studierenden der Technischen Universität und der Freien Universität. Auch die evangelischen und katholischen Priester und Studierenden leisteten ihren Beitrag zur Solidarität. Es gab Vorträge, Filmvorführungen und kulturelle Zusammenkünfte mit Poesie, Musik und Trommeln.“
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„Es war ein Übergangsritus, bei dem das jugendliche AWA-Finnaba zu einem größeren Magazin im A4-Format heranwuchs... Wir bauten Kooperationen mit befreundeten kreativen Aktivistenzeitschriften in Deutschland, Paris, London, Westafrika und Südafrika aus.“