Aktenschränke mit geöffneten Schubladen, aus denen Zettel fliegen, eine Uhr und ein Stundenglas, Zeitungsartikel, Jahreszahlen

Text: Jenaba Samura

 

Es sind die 1990er Jahre in Deutschland: Während die Wiedervereinigung national als Erfolgsgeschichte erzählt wird, erleben Schwarze und migrantische Menschen eine andere Realität: Neonazis, Springerstiefel, Hoyerswerda, Rostock-Lichtenhagen und Solingen, aber auch Brothers Keepers , Antifa Gençlik  und der erste Black History Month in Deutschland. In ihrem Gedicht “grenzenlos und unverschämt - ein gedicht gegen die deutsche sch-einheit” beschreibt May Ayim die Zeit nach dem Mauerfall so:

 

ich werde trotzdem                                                                                                          
afrikanisch
sein
auch wenn ihr
mich gerne
deutsch
haben wollt
und werde trotzdem
deutsch sein
auch wenn euch
meine schwärze
nicht paßt
ich werde
noch einen schritt weitergehen
bis an den äußersten rand
wo meine schwestern sind
wo meine brüder stehen
wo
unsere
FREIHEIT
beginnt

 

In diesem Spannungsfeld aus Ablehnung und Zugehörigkeit, formiert sich der Black History Month (kurz: BHM) als politischer, kultureller und vor allem sozialer Raum. Von Beginn an lautet die zentrale Frage: Wie lässt sich Schwarze Geschichte als Teil deutscher Geschichte sichtbar machen? Aber auch: Wer erzählt Schwarze Geschichte – und vor allem: für wen?

Das Bild zeigt den Flyer des ersten sogenannten BHM 1990 ist sonnengelb, bedruckt mit einem Symbol, das an die kenianische Flagge erinnert

Black History Month Flyer (1990-2000). Foto: Jenaba Samura

Die Anfänge

Der erste dokumentierte Black History Month in Deutschland findet im Februar 1990 statt und ist angelehnt an den Black History Month in den USA, der im Zuge der 1926 von Carter G. Woodson iniziierten “Negro History Week” entstand im Februar 1990 entstand. Die Quellenlage zum 1-wöchigen Programm (17. bis 25.02 1990) ist dünn, weshalb sich einige Aspekte des Programms nicht rekonstruieren lassen, doch das Archiv von Each One Teach One (EOTO) im Berliner Wedding ist das Zuhause historischer Aufzeichnungen Schwarzen Lebens in Deutschland, vor allem in Berlin. Hier finden sich Demoaufrufe, Partyflyer und auch die Programme vergangener Black History Monthes. Bereits im Juli 1989 findet ein Vorläufer des BHM statt. Die Broschüre “African Berlin Programme” stellt alle drei Monate “auf Afrika bezogenes Programm” zusammen. Im Jahr 1989 sind es 28 Tage “Afro-Kultur”. Der Flyer des ersten sogenannten BHM 1990 ist sonnengelb, bedruckt mit einem Symbol, das an die kenianische Flagge erinnert. Schon diese Gestaltung verweist auf eine diasporische Verortung jenseits nationaler Grenzen und zugleich auf eine bewusste Eigenständigkeit. 

 

Der BHM ist also kein bloßer Import aus den USA, sondern als bewusste Übersetzung ähnlicher Ziele und Themen in einen deutschen Kontext zu verstehen. Das Programm ist politisch, bildungsorientiert und communitybasiert. Veranstaltungen zur deutschen Kolonialgeschichte stehen neben Auseinandersetzungen mit der afroamerikanischen Bürgerrechtsbewegung. Ein Vortrag zur afrodeutschen Geschichte betont ausdrücklich, dass Schwarze Menschen lange vor dem Zweiten Weltkrieg in Deutschland lebten. Hier wird aktiv Einspruch erhoben gegen die weitverbreitete Vorstellung von Schwarzsein als „neu“ oder „nicht deutsch“. Ein weiterer Workshop richtet sich an Eltern afro-deutscher Kinder, bevor das Programm mit dem „Black Music Festival“, einer Party an der Prinzenstraße, schließt.

 


Der frühe BHM ist damit vieles zugleich: Archiv, Schutzraum, Bildungsangebot und politisches Statement. Vor allem aber ist er ein Ort der Selbstermächtigung und der kollektiven Wissensproduktion. Öffentlich beworben wird er damals kaum. In erster Linie richtet sich das Angebot an die Schwarze Community, aber auch an interessierte weiße  Verbündete. Anders als heute spielen prominente Gäste aus Politik oder Hochkultur damals noch keine erkennbare Rolle. Die Veranstaltungen sind basisorientiert, getragen von Aktivist*innen, Wissenschaftler*innen, Künstler*innen sowie lokalen Kulturgruppen, wie dem ISD, dem BLACK ART MOVEMENT und dem Ausländerreferat des Asta der Freien Universität (FU).

 

 

Sichtbar machen. Organisieren. Einschreiben

Thematisch kreist der frühe BHM der 1990er um einige wiederkehrende Kerne: „Wir sind Teil der deutschen Geschichte“ ist eine zentrale Forderung früher sowie gegenwärtiger Debatten. Doch auch schon 1990 geht es um mehr als lediglich Zugehörigkeit: das Einschreiben Schwarzer Existenz in die Deutsche Geschichte legt auch die hiesige koloniale Amnesie offen. Rassismus wird demnach nicht als Einzelfall verhandelt, sondern als historische Kontinuität deutscher Expansion. Schwarze Biografien aus Kolonialzeit, NS-Zeit und Nachkriegsdeutschland werden sichtbar gemacht und in ein Verhältnis historischer Verstrickungen gesetzt. Daneben sind auch Sprache, Selbstbezeichnungen und Empowerment zentrale Themen.

 

Diese Entwicklung fällt nicht zufällig zusammen mit einem Aufschwung afrodeutscher Organisierung. Denn einige Jahre zuvor, 1986 gründete sich die Initiative Schwarze Menschen in Deutschland (ISD) (damals noch Initiative Schwarzer Deutscher) und kurz zuvor erschien die “Gründungsanthologie” der Schwarzen feministischen Bewegung in Deutschland: “Farbe bekennen. Afrodeutsche Frauen auf den Spuren ihrer Geschichte” (1986), herausgegeben von der Historikerin Katharina Oguntoye, der Poetin und Pädagogin May Ayim und der Verlegerin Dagmar Schultz. Das Buch prägt nicht nur erstmals den Begriff „afrodeutsch“, sondern markiert einen Wendepunkt: Schwarze Lebensrealitäten werden benannt, historisiert und politisiert – erstmals aus einer spezifisch deutschen Perspektive.

 

Im Laufe der 1990er Jahre wird der Black History Month dann zunehmend von der ISD ins öffentliche Leben getragen, mit Community-Events, Workshops und Bildungsaktionen. Im Jahr 2000 sind bereits zwölf Organisationen unter dem Zusammenschluss “BHM Initiative” an Programm und Durchführung beteiligt.

 

 

Schutzraum versus Bildungsangebot

Ein Blick in die Sammlung von EOTO zeigt, dass sich ab Mitte der 1990er-Jahre die Akzente verschieben. Der Einfluss Schwarzer Feminist*innen wächst, insbesondere durch ADEFRA e.V.. Neue Themenfelder treten hervor – oft noch ohne die späteren Begriffe, aber inhaltlich konkret: Schwarz und Frau, Schwarz und lesbisch, Schwarz und migrantisch. Sexismus innerhalb Schwarzer Communities wird ebenso kritisch diskutiert wie Rassismus in der deutschen Mehrheitsgesellschaft. Weitere Themen sind: “Kolonialismus als deutsche Geschichte” oder “Schwarze Kindheit und Bildung”. Gleichzeitig vernetzt sich der BHM stärker mit afrikanischen, karibischen und anderen diasporischen Communities.

 

Mit dem in den späten 1990er-Jahren einsetzenden Diskurs um deutsche Kolonialgeschichte und eine erweiterte Erinnerungskultur jenseits des Nationalsozialismus wird der Black History Month zunehmend akademischer. Es entstehen Kooperationen mit Universitäten, Museen und Kulturzentren. Vom 12. Februar bis zum 4. März 2000 findet das umfangreiche Programm dann Mal in Charlottenburg statt. Neben Kinderprogramm und Partys gibt es nun auch Sprachkurse “Einführung in die Yoruba Sprache” und Lesungen “Arabische Lyrik mit Sarah Yousif”. Schwarze Themen werden 10 Jahre nach dem ersten Black History Month breiter gedacht.

 

Der BHM wird somit zum einen öffentlicher, aber gleichzeitig auch elitärer. Innerhalb der Community und unter verschiedenen Organisator*innen wachsen im Laufe der Zeit die Spannungen. Mehr Beteiligte, bedeutet eben auch mehr Perspektiven, mehr Unterschiede und mehr Fragen. Da ist die Sorge vor Vereinnahmung durch weiße Institutionen, dann die Frage nach Zugänglichkeit und auch nach Kontrolle über Inhalte und Narrative. Ist der Black History Month ein Schutzraum – oder ein Bildungsangebot für die Mehrheitsgesellschaft?

 

 

BHM heute

Dennoch, aus heutiger Sicht wirkt der BHM der 1990er-Jahre radikaler, weniger konsumierbar, widerständiger. Frühe Veranstaltungen fungierten als Wissensarchiv von unten, lange bevor Archive, Museen oder Universitäten begannen, Schwarze Geschichte systematisch aufzuarbeiten und auch für sich zu vereinnahmen. Viele Debatten, die heute unter Schlagworten wie "Intersektionalität", “Rassismuskritik” oder “postkoloniale Erinnerung” geführt werden, wurden dort früh, praxisnah und ohne akademische Sprache verhandelt. Gleichzeitig sind die Themen erschreckend aktuell und ziehen sich bis in die Gegenwart.

 

Dies wirft die Frage auf: Was hat sich verändert? Wem dient der BHM? Die EU-weite Studie Being Black in the EU aus dem Jahr 2023 zeigt, dass Deutschland bis heute besonders schlecht abschneidet, wenn es um Diskriminierungserfahrungen Schwarzer Menschen geht. Und das obwohl Protest Schwarzer Menschen in Deutschland so weit zurück reicht: Bereits 1919 haben Schwarze Aktivist*innen in einer Petition an die Weimarer Nationalversammlung Gleichberechtigung eingefordert. Doch die Koloniale Amnesie in Deutschland ist unmatched, denn Fragen nach Sichtbarkeit und Repräsentation reichen, wie wir wissen, nicht aus. Und auch die Frage nach der Deutungshoheit über Schwarze Geschichte in Deutschland ist ungelöst. Wer setzt “relevante” Themen? Wer spricht auf Podien? Wer schreibt Artikel über Schwarze Geschichte?

 

Der Black History Month hat sich verändert – er ist größer und öffentlicher, aber auch fragmentierter und die Veranstalter*innen haben sich “professionalisiert”. Diese Kommerzialisierung hat Folgen. Denn auch wenn heute niemand mehr wie in 2020 schwarze Kacheln postet, bedienen sich Unternehmen und Institutionen weiterhin widerständischen Traditionen um sich selbst als progressiv zu positionieren und aus dem BHM Profit zu schlagen. Doch die Genealogie des Black History Month erinnert daran, dass er ursprünglich nicht als Eventformat gedacht war, sondern als politischer Raum der Selbstermächtigung. Als Ort, an dem Schwarze Menschen ihre Geschichte selbst erzählen und damit deutsche Geschichte neu schreiben. Denn Schwarze Geschichte wird nicht nur erinnert – sie entsteht jeden Tag neu und das nicht nur im Februar, denn: Every day is Black History Month. Schwarze Menschen schreiben jeden Tag Geschichte.

 


Quellen: 


African Berlin Programme (1989-1994), Each One Teach One Archiv, Berlin
Ayim, May (1995) Blues in Schwarzweiß, Orlanda Verlag, Berlin
Black History Month Flyer (1990-2000), Each One Teach One Archiv, Berlin
Initiative Schwarze Menschen in Deutschland (ISD)
https://isdonline.de/februar-ist-black-history-month/?utm_source=chatgp… [23.01.26]
Gender Mediathek
https://gender-mediathek.de/de/black-history-month?utm_source=chatgpt.c… [23.01.26]


 

Zur Autorin
 

Jenaba Samura (sie/ihr) ist freie Autorin, Podcast-Host und Moderatorin, hierbei bewegt sie sich immer wieder an der Schnittstelle von Theater/Aktivismus. Zuletzt erschien ihr Essay "Afrotopia. Schwarze Konstruktionen von Geschlecht & Sexualität" (2025) im QuerVerlag. Als Promovendin der Kulturwissenschaften forscht sie aktuell im Projekt "Schwarze Narrative transkultureller Aneignung" zu Imaginationen eines Schwarzen Europas. Zuvor studierte sie Gender- sowie Postcolonial Studies in Göttingen und London.

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